Menschen, die Tagebücher führen, haben zweimal gelebt“ – Jessamyn West. Wenn das kein Grund ist, sofort den Stift in die Hand zu nehmen – oder in heutigen Zeiten eher die Tastatur oder eine App. Ich persönlich bevorzuge Pfotenspuren im Sand, aber man hat mir erklärt, dass das nicht ganz das Gleiche ist. Und obwohl ich nicht schreiben kann, führe ich dennoch in meinem Herzen ein Dackeltagebuch. Darin steht alles, was mir wichtig ist: die besten Gerüche des Tages, wo das Eichhörnchen zuletzt gesichtet wurde und welche Bank im Dorf das bequemste Sonnenplätzchen bietet.
Der Sommer eignet sich besonders gut für das Festhalten solcher Gedanken. Alles ist intensiver: die Farben, die Düfte, die Begegnungen. Und vielleicht gerade, weil der Sommer oft so flüchtig erscheint, lohnt es sich, ihn festzuhalten. Mit Worten, mit kleinen Zeichnungen, mit Fotos oder eben mit dem, was euch bewegt. Es geht nicht darum, große Literatur zu schreiben. Es geht darum, euch selbst zuzuhören. Denn wer regelmäßig schreibt, kommt sich selbst näher – erkennt Gedankenmuster, sortiert Gefühle, findet Worte für das, was sonst diffus im Inneren bleibt.
Tagebuchschreiben ist wie eine kleine tägliche Therapieeinheit. Ohne Wartezimmer, ganz für euch allein. Es schafft Struktur in schwierigen Zeiten, klärt innere Konflikte, hilft beim Verarbeiten von Stress oder Überforderung. Studien zeigen, dass Schreiben emotionale Selbstregulation fördert und das Stresserleben deutlich senken kann.
„So wie ein guter Regen die Luft reinigt, reinigt ein guter Schreibtag die Psyche“, sagt Julia Cameron – und ich stimme ihr zu. Auch wenn ich persönlich lieber durch den Regen renne, anstatt zu schreiben, beobachte ich doch täglich, wie meine Menschen nach dem Schreiben aufatmen. Als hätten sie etwas geordnet, was zuvor wirr war. Als hätten sie sich selbst wieder ein kleines Stück besser verstanden.
Gerade in einer Welt, die laut, schnell und voller Erwartungen ist, kann das Tagebuch ein Rückzugsort sein – ein sicherer Raum, in dem ihr niemandem gefallen müsst. Nur euch selbst. Wer regelmäßig schreibt, kultiviert Achtsamkeit, Selbstempathie und innere Klarheit – Fähigkeiten, die wie ein innerer Kompass wirken, wenn das Außen zu viel wird.
Und es gibt noch einen ganz praktischen Grund fürs Schreiben: das Erinnern. An den Sonnenstrahl, der euch an einem müden Morgen ins Gesicht gefallen ist. An das Lachen mit einer Freundin auf der Picknickdecke. An den Moment, als ihr im See geschwommen seid, obwohl das Wasser eigentlich noch zu kalt war. An all die kleinen Dinge, die für einen Augenblick das Leben schöner gemacht haben.
Ihr glaubt vielleicht, ihr werdet euch ewig an die Details erinnern – aber ich kann euch sagen: Selbst der beste Spürhund vergisst manchmal, wo er den Knochen vergraben hat. Ein Tagebuch ist wie ein Schatzkästchen, in dem eure Erinnerungen sicher aufbewahrt werden. Für Regentage, für später, für euch selbst – und wenn ihr es teilen wollt, auch für diejenigen, die euch sehr liebhaben.
Denn, wie Louisa May Alcott so schön sagte: „Bewahre deine Erinnerungen, bewahre sie gut auf, was du vergisst, kannst du nie wieder erzählen.“ In diesem Sinne: Schreibt, was euch bewegt. Schreibt auf, was euch zum Lächeln bringt, was euch traurig stimmt oder was ihr nie verlieren wollt. Der Sommer ist kurz, aber die Geschichten, die ihr daraus macht, bleiben. Und vielleicht, wenn ihr das nächste Mal in der Hängematte liegt, mit dem Dackel zu euren Füßen und einem Notizbuch auf den Knien, werdet ihr merken: Ihr lebt gerade zweimal. Und das, meine Freunde, ist echtes Glück.
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