Leben und leben lassen – Forstmuseum Hundsdorf

„Wer seine Heimat liebt, muss sie auch verstehen wollen, wer sie verstehen will, überall in ihre Geschichte zu dringen suchen.“ (Jakob Grimm, 1785 – 1863).

Die alte Holztür öffnet sich und Dr. Heinz Berthold empfängt uns freundlich: „Kommt rein.“ Gute Idee, denn draußen ist es bitterkalt. Das Licht im Eingang ist gedämpft, trotz der weißen Wände. Eine alte, dunkle Holztreppe führt rechts nach oben. Links steht eine Garderobe mit grünen Uniformen. Die Luft riecht nach frischem Lack. Wir sind im Forstmuseum Hundsdorf.

Des Försters Kleider

Sofort kommen wir mit Heinz ins Gespräch. Er erzählt uns, dass dieser Eingangsbereich des Forsthauses 1950 neu gestaltet wurde. An der Garderobe hängen die Uniformen mehrerer ehemaliger Förster, die hier lebten. Der Vater von Heinz war einer von ihnen, ebenso wie sein Großvater. Heinz war kein Freund von Uniformen, da er 1968 seine Studienzeit begann und in dieser wilden Zeit gegen Notstandsgesetze und den Vietnamkrieg demonstrierte. Der Großvater trug zeitlebens seine Uniform, was Heinz nie gefiel.

Dr. Berthold zeigt geduldig die Uniformen verschiedener Förster und deren Dienstgrade aus der Vergangenheit. Er selbst war jedoch nie ein Freund von Uniformen. Foto: David Heise
Geduldig zeigt Dr. Berthold uns die Uniformen unterschiedlicher Förster und deren Dienstgrade der Vergangenheit. Er selbst war aber nie Freund von Uniformen.

Vom Wohnhaus zum Museum – das Forstmuseum Hundsdorf

Das Haus war bis 1973 ein Forsthaus und wurde von der Familie Berthold gekauft, da die Dominialverwaltung es loswerden wollte. Der Vater von Heinz und seinem jüngeren Bruder Herbert plante ursprünglich, einen Aussiedlerhof zu gründen, war dann aber froh, das Haus übernehmen zu können, in dem er lange Zeit als Förster arbeitete. Leider verstarb der Vater kurz darauf im Jahr 1975 mit 66 Jahren. Heinz war seinerzeit an der Uni in Hannover. Dort war er Planer und Hochschullehrer an der Hochschule für bildende Künste. Später lehrte Heinz in Braunschweig und an der Hochschule in Lokrum. Durch den Tod des Vaters kehrte er nach Hundsdorf zurück und nahm eine Stelle als Berufsschullehrer an.

Im Jahr 2009 wurde Dr. Heinz Berthold pensioniert. Er war zuletzt im Kultusministerium Wiesbaden beschäftigt. Danach setzte er sich nicht zur Ruhe, sondern war bis 2018 insgesamt neun Jahre als Berater an der Tongji-Universität in Shanghai sowie bis 2016 in Äthiopien tätig.

Die Mutter lebte bis 2006 im Haus. Danach stand es neun Jahre leer. 2013 kam dem damaligen Ortsvorsteher Horst Reis die Idee, das kulturelle Erbe der Region zu erhalten, und er gründete den „Verein für Forst- und Regionalgeschichte im Kellerwald“. Somit wurde der Grundstein gelegt, ein Museum zu errichten – das Forstmuseum Hundsdorf. Das Gebäude wurde in das Leerstandsprogramm aufgenommen. Neben der Nutzung als Museum stand die Pferdehaltung als Konzept zur Diskussion. Die Gründung des Museums brachte weitere Hürden mit sich. Gegner in der Politik forderten eine Machbarkeitsstudie. Unterstützung durch ein Bundesprogramm bekamen sie nicht, da die Synagoge in Vöhl den Zuschlag bekam. Letztlich wurde das Konzept in das Leader-Programm aufgenommen. Mit einem Materialzuschuss ging es los. Die Brüder Berthold als Hausbesitzer leisteten ebenfalls ihren Beitrag.

edlake-Tipp

Im „Forsthaus im Kellerwald“ findest du viel Wissenswertes über Leben und Arbeit der Förster in der Vergangenheit. Aber: Es geht weit darüber hinaus. Dr. Heinz Berthold und sein Bruder Herbert Berthaold, besitzen ein immenses Wissen über die Natur und die Forstwirtschaft bei uns im Kellerwald. Du bekommst haufenweise Fakten und Informationen vom absoluten Fachmann.

Wissen und Informationen sind das eine, aber es geht weit darüber hinaus. In diesem Haus ist viel passiert, viele Menschen gingen ein und aus. Viele wohnten hier, und genauso viele spannende Geschichten ereigneten sich rund um dieses Haus. Bereitwillig erzählen die Mitglieder des Vereins, wenn es passt, auch stundenlang spannende Storys, die nur noch darauf warten, verfilmt zu werden.

Von der Idee zum Ergebnis

Dr. Heinz Berthold und Herbert Berthold gruben beim Aufräumen etliche Dachbodenfunde aus, die ihre Familiengeschichte schrieben. Vieles war ihnen neu. Anderes nährte ihren Forscherdrang, und so recherchierte vor allem Heinz in den Staatsarchiven. In den letzten 8 bis 10 Jahren versuchte er sich an 700 Archivarien und fügte das Wissen um die Forstwirtschaft in der Vergangenheit Baustein für Baustein zusammen. Der Verein brachte viele Exponate ins Haus, aber zuerst stand eine große Renovierung an, die von den Vereinsmitgliedern in Eigenleistung erbracht wurde. Jetzt ist das Forstmuseum Hundsdorf nahezu fertiggestellt. Du kannst es nach Absprache besuchen. Es lohnt sich auf jeden Fall!

Endlich warm

Dr. Berthold öffnet die Küchentür. Uns kommt eine angenehme Wärme entgegen. Der alte Herd ist an. Die Küche ist der erste Raum im Haus, und das hat seinen Grund. Sie war das Wartezimmer für den Förster. Er hatte viele Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig war diese Küche ein Raum für den täglichen Gossip. Hier wurden die Neuigkeiten aus dem Dorf ausgetauscht.

Die Försterstube für allerlei Belange

Wir öffnen die Tür zum nächsten Raum. Es ist die Försterstube, das Büro des Försters. Vor uns steht ein alter Schreibtisch mit einer historischen Schreibmaschine namens „Diplomat“ von 1940. Heinz erzählt, dass er auf dieser Maschine seine Diplomarbeit niederschrieb. Am rechten Rand des Schreibtischs ziert ein schmuckes, altes Telefon das Arrangement. Es war eines von zwei Telefonen im Ort. Das andere stand in der Dorfkneipe. Der Museumsverband fordert, dass alle Exponate in einem Inventar verzeichnet sind. Somit lasten Verpflichtung und Verantwortung auf dem Verein.

Dr. Heinz Berthold vor einem Bücherregal im Forstmuseum Hundsdorf. Foto: David Heise
Wissen bewahren: Es ist eine Herzensangelegenheit von Dr. Heinz Berthold, das Wissen über seine Heimat und die Natur zu erhalten. So manches Schriftstück hat er schon im letzten Moment vor der Müllpresse gerettet.

Das Haus und seine Förster

Das Haus sah viele Förster kommen und gehen. Erbaut wurde es 1660 und gehörte dem Fürsten von Waldeck. Dieser hatte gegenüber dem Haus einen Reisestall, der aber nicht mehr existiert. Die Straße verlief seinerzeit nicht vor dem Gebäude entlang, sondern hinter dem Reisestall, sodass die Gebäude direkt voreinander standen. Der Reisestall wurde 1923 abgerissen, und aus den Balken errichteten die Handwerker ein Wirtschaftsgebäude, das seit 1951 als „Holzkohletankstelle“ der nahegelegenen Köhlerei diente.

Der erste Förster, Georg August Schilling, zog 1713 ins Forsthaus ein. Er war Page des Fürsten Friedrich Anton Ulrich. Als dieser nach Arolsen zog, wollte Schilling nicht mit, da dieser mit der Tochter des Bürgermeisters von Altwildungen verheiratet war. So blieb er als Förster vor Ort. Schilling war ein guter Geschäftsmann. Er bekam „Krug- und Zollrecht“. So errichtete er eine Kneipe im Forsthaus mit Schlafkabinett. Schilling zahlte dem Fürsten zu Waldeck 30 Taler. Dafür durfte er den Zoll behalten. Er wurde ein reicher Mann. Einst borgte er dem Superintendenten Speyermann der Kirche 90 Taler, was zwei bis drei Jahresgehältern eines Oberförsters entsprach. Die Summe wurde nie zurückgezahlt, sodass die Witwe Schillings gegen Speyermann klagte.

Auge um Auge

Hinter dem Arbeitszimmer führt uns Heinz in den nächsten, großen Raum mit allerlei Exponaten. Zunächst fällt uns ein Zwillingsgewehr auf. Dieses fand Heinz seinerzeit auf dem Dachboden, zusammen mit einem Schriftstück und der Aufschrift: „Dieses Gewehr habe ich dem Wilddieb aus Frankenau im Juni 1892 abgenommen“. Die Geschichte dahinter erinnert uns an die bekannten Heimatfilme. Der Großvater der Berthold-Brüder erwischte den Wilddieb und beide lagen sich gegenüber. Auge um Auge. Beide hatten den Finger am Abzug, aber keiner wagte zu schießen.

Der Förster aus Mitleid, der Wilddieb aus Angst vor den Konsequenzen. Letztlich gab der Wilddieb nach einer Stunde auf, und Förster Berthold nahm ihm das Gewehr ab. Erst später erfuhr Heinz, dass der Urgroßvater einen Wilddieb erschoss und dass es ihn sein Leben lang quälte. Vielleicht war das der Grund, warum der Großvater niemals einen Wilddieb erschoss. Die Oma war allerdings nicht zimperlich und schoss aus dem Küchenfenster in den Wald, traf aber glücklicherweise niemanden. Es waren harte Zeiten.

Die Rügen des Försters

Wie ein Kunstwerk der Avantgarde liegt unter einer Vitrine ein kleines, altes, handgeschriebenes Buch und eine historische Sichel. Das Buch ist aufgeschlagen. Es ist das Rügebuch des Försters. Hier dokumentiert er alle Vergehen der Bevölkerung und die verhängten Strafen. In diesem Falle hat eine Frau Gras gerupft. Anschließend wurde sie noch erwischt, als sie Gras mit der Sichel entfernt hatte. Zur Strafe wurde die Sichel konfisziert. Die Rechtsprechung war eben in der Vergangenheit gewöhnungsbedürftig. Vieles war verboten, zum Beispiel wurden Strafen dokumentiert fürs Laub rechen, das später an Ziegen verfüttert wurde, selbst Moos sammeln stand unter Strafe. Ebenso fürs Beerenpflücken. Hierfür stellte der Förster Scheine gegen Geld aus. Dann erst durfte gepflückt werden.

Ein Mannequin in einem Raum mit mehreren Kettensägen. Foto: David Heise
Die Forstwirtschaft verändert ihre Strategie: Mit der Motorsäge setzt eine neue, rationellere Arbeitsweise ein.

Was haben Schwarzpulver, Waschmittel und die Glasproduktion gemeinsam?

Dr. Berthold lehrte uns, dass es ein kommunikatives und ein kollektives Gedächtnis gibt. Das heißt, es geht beim ersten Fall um Dinge, die innerhalb einer Gruppe weitergegeben, also kommuniziert werden, und im zweiten Fall um gemeinsame Erinnerungen aller, beispielsweise kulturell verankerte Erinnerungen. Beides zusammen dient der Erhaltung von Wissen. Er nannte uns das Wissen über die Pottasche. Sie war ein wertvoller Rohstoff aus der Forstwirtschaft. Allerdings benötigt man 1,82 Raummeter Buchenholz, um ein Kilogramm Pottasche herzustellen.

Das ist verdammt viel Holz! Was aber genau ist Pottasche? Nun, es ist Kaliumkarbonat, welches vielseitig verwendet wird. Du brauchst es, um Waschmittel, Backtriebmittel, Schwarzpulver, Seife, Kobaltblau und Düngemittel zu produzieren. Ferner verwendest du es zum Bleichen von Leinen und für die Glasproduktion.

Die Wand des Wissens

Zuletzt besuchen wir die Bibliothek der Waldgeschichte in einem Raum, in der Veranstaltungen und Vorträge stattfinden. An der Kopfwand finden wir eine Menge Bücher und andere Schriftstücke, die Heinz teilweise aus dem Müll fischte, wenn Dienststellen geschlossen wurden. Archivare dieser Welt klagen über jenen Frevel, wie unachtsam mit historischen, unersetzbaren Dokumenten umgegangen wird. Dieser Raum ist auch der Projektraum der Kellerwald Kids, die von zwei Waldpädagogen geleitet werden.

Was bleibt?

Nun, für uns bleibt erst einmal ein neuer Eindruck in die Geschichte der Forstwirtschaft, aber auch ein Einblick in das harte Leben in historischer Zeit zurück. Die vielen Informationen werden wir erstmal verarbeiten und sortieren. Hat es sich gelohnt und können wir einen Besuch empfehlen? Auf jeden Fall! Das Museum ist einzigartig und die Mitglieder des Vereins sind enorm engagiert. Wir freuen uns schon auf die nächsten Veranstaltungen in diesem Haus. 

Öffnungszeiten Forstmuseum Hundsdorf

Das Museum wurde soeben fertiggestellt und hat zurzeit noch keine festen Öffnungszeiten. Geplant ist, das Museum an den Wochenenden zu öffnen. Du kannst aber jederzeit gern einen Termin bei Herbert Berthold vereinbaren unter 0175 / 91 72 800. Es lohnt sich!

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