Das Leben im Waldecker Land, mit all der schönen, prächtigen Natur, möchten wir nie tauschen. Dennoch zieht es uns gern mal dorthin, wo das Leben tobt. Dort, wo sich an breiten Straßen dicht an dicht die ausgefallensten kleinen Ladengeschäfte reihen. Darauf haben wir heute Lust. Wir fahren nach Kassel, aber nicht, um die großen Kaufhäuser zu konsumieren.
Wir bekamen den Tipp, dass die Friedrich-Ebert-Straße genau das bietet, was wir uns vorstellen. Kurzerhand steuern wir unser erstes Ziel an. Die Straße ist breit, voller Menschen, nicht im Standard-Look, sondern oft bunt, abgefahren und stilsicher. Die Menschen sind betriebsam, meist in Eile, denn es ist Wochentag. Hier finden wir genau das, was wir suchen: smarte, schmucke Läden, die oft über zwei Etagen so manches Seltsame verbergen. Kleine Schaufenster lassen meist nur erahnen, was uns im Inneren erwartet. Wir besuchen spontan das erste Lädchen. Was wir vorfinden, überrascht uns: Der Laden ist erstaunlich groß. Er offenbart sich als tiefer Verkaufsraum mit einer Wendeltreppe nach oben. Und das Sortiment? Nun, lassen wir den Begriff „Sortiment“ weg und nennen es vorzugsweise „Sammlung“.
Von Waschbären, Glühbirnen und englischen Bildern
Wir könnten Stunden im Laden verbringen. Hier entdecken wir unfassbar viele ausgefallene Must-haves. Dinge, die du nicht brauchst, aber unbedingt haben musst. Von der Decke hängen bizarre Glühbirnen, fast im Steampunk-Look. Wir finden Pflanzen unter Glashauben und kolorierte Zeichnungen in klassisch englischem Style mit jener Prise Humor, die du so nur in England findest. Zwischen Bekleidung, Geschirr und Tassen fällt uns ein Kassel-Poster ins Auge, passend mit Waschbär-Motiv. All das sorgt für einen Haufen Spaß. Es ist voll und üppig.
Upcycling
Der nächste Laden ist nicht minder interessant. Hier dreht sich alles um Upcycling, also Neues aus Dingen zu schaffen, die an sich zu entsorgen sind. Wir sprechen mit dem Verkäufer, dessen Herz sich geradezu öffnet, als er uns von alten Stoffen erzählt. Hier werden die Textilien, die aufmerksame Mitmenschen spenden, gründlich aufbereitet, bevor sie weiterverarbeitet werden. Du findest Handtaschen, Socken, ausgefallene Bekleidung, Schuhe und vieles mehr. Jedes Stück ist ein Unikat. Der Verkäufer teilte uns mit, dass die Vorbesitzer all diese Textilwaren so oft wuschen, dass sie inzwischen garantiert schadstofffrei sind. Die alten Stoffe haben dennoch eine exzellente Qualität, und die Upcycler stellen ihre Artikel hingabevoll her. Für uns ist diese Idee ein Musterbeispiel an Nachhaltigkeit.
edlake-Tipp
Vergesst die großen Kaufhäuser und den Citypoint. Einen unvergesslichen Einkaufsbummel erlebst du in der Friedrich-Ebert-Straße. Du wirst sicher völlig andere Dinge mit nach Hause bringen als geplant, aber genau so soll das Leben doch auch sein: spontan, ereignisreich und spaßig. Nicht zu vergessen:die Documentastadt Kassel hat ebenso eine einzigartige Museenlandschaft.
Boutique alternativlos
Es geht weiter, und wir betreten erneut einen Laden zum Thema „Ohne Titel“. Der Laden ist klein, aber gehaltvoll. Zwischen analogen Plastikkameras und Bilderrahmen entdecken wir eine Vielzahl an Bekleidung, die selbstredend nicht von der Stange ist. Hier bist du richtig, wenn du mal wieder einen steilen Dresscoat setzen willst; abgefahren, aber durchaus kleidsam.
Wir genießen es, einen Laden nach dem anderen zu erkunden. Eigentlich wollten wir nur schauen, aber wie das immer so ist, wird der Geldbeutel leerer und leerer. Kein Wunder bei diesem Überschwang an Dingen, die bis dato für uns unbekannt waren. Wir fühlen uns inspiriert, aufgeladen und immer noch neugierig, aber langsam auch erschöpft.
Die Zeit vergeht, doch inzwischen haben wir Lust, uns hinzusetzen und Pause zu machen. Wie wäre es also mit einem Kaffee?
Zu Gast bei der Kaffeerösterin
Wir besuchen „Die Kaffeerösterin“ in der Innenstadt. Nach all den Läden, die unsere Sinne überfluteten, wirkt „Die Kaffeerösterin “ aufgeräumt und sortiert. Stylisches, nüchternes Interieur sorgt für noblen Flair. Und der Kaffee? Nun, wir kennen Café Crema, Espresso oder Cappuccino, aber was bitte schön ist „Flat White“, „Cortado“, oder „Batch Brew“? Der Inhaber erklärt uns geduldig, was die Sorten ausmacht, wie sie geröstet und aufgebrüht werden. Doch schlussendlich bleibt uns nur eines übrig: Einfach durchprobieren. Wir sind erstaunt, wie unterschiedlich der Kaffee schmeckt und wie der Kaffeeprofi ihn auf den Punkt zubereitet.
Ein Tag des Genusses
Fast hätten wir es vergessen: Wir haben ja auch noch Hunger. Kurzum finden wir uns im kleinen, sagen wir experimentellen, vegetarischen Restaurant „Zum glücklichen Bergschweinchen“ wieder. Anne, die gute Seele der Lokalität, steht uns mit ihrer freundlichen, lockeren Art zur Seite und serviert Pommes, die uns ausgezeichnet schmecken. Mit ihrer kreativen Ader hat sie die ehemalige Tankstelle zu ihrem Restaurant mit angrenzender Partylocation umgebaut. Es tut so gut, endlich mal etwas zu essen und zu plaudern.
Wir beschließen, einen der letzten Sonnentage ausgiebig zu genießen, und bewegen uns zur Karlsaue. Der Park ist riesig und gepflegt. Die Rasenfläche lädt uns zu einer Rast im Grünen ein.

Im Garten der Grimms
In der Aue liegend genießen wir das angenehme Grün des Parks. Unweit der pulsierenden Stadt schauen wir von der Wiese aus nach oben zu den Häusern. In einem dieser Häuser wohnten einst die drei Brüder Jacob, Wilhelm und Ludwig Emil Grimm mit ihrer Schwester Lotte. Der Blick oben vom Hang auf den bezaubernden Auepark war seinerzeit auf jeden Fall beflügelnd und sicher mitverantwortlich für das Werk der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm. Sie schrieben nicht nur die berühmten Märchen nieder, fast wichtiger war das erste deutsche Wörterbuch, das sie verfassten. Weniger bekannt ist Ludwig Emil Grimm, der jüngste Bruder. Er war Maler und Kupferstecher, weshalb er die Niederschriften der anderen Brüder kunstvoll illustrierte. Lotte sorgte für den Haushalt, zog dann aber aus, als sie heiratete. So verbrachten die Grimms 30 Jahre in der Wohnung in Kassel und hinterließen der Stadt ein unbezahlbares Erbe. Wir schießen noch einige Selfies im Gras vor der herrlichen Kulisse der Orangerie. Dann schlendern wir weiter, am Fuldaufer entlang zur Drahtbrücke, vorbei an der Kreuzhacke, die uns an die Documenta erinnert.
Der erste Influencer
Kassels Kultur wäre ohne die Documenta undenkbar; die Documenta ohne Joseph Beuys ebenso. Ende 1978 gehörte Beuys zu den Gründungsmitgliedern der Partei der Grünen. Wenige Jahre später, 1982, präsentierte er sein größtes Kunstwerk, die 7000 Eichen. Keine andere Installation prägte die Stadt so wie dieses Kunstwerk, das mit dem Attribut „Größte soziale Plastik der Welt“ in die Geschichte eingehen sollte. 7000 Basaltstelen türmten sich vor dem Fridericianum und warteten auf Baumpaten. Für jeden Stein wurde ein Baum in der Stadt, mitsamt dem Stein gepflanzt. 7000 Bäume für die Innenstadt. Das war neu und seltsam. So wurde Kassel einmal mehr zum Zentrum bildender Kunst und zu einem grünen Paradies. Und Joseph Beuys? Wenn die Grünen in den 1980er Jahren nicht schon ein Statement setzten, dieses Kunstwerk auf jeden Fall! Es schrie die grüne Botschaft weit über die Grenzen hinaus, wie das ächzende Wehklagen der gebeutelten Natur. Es war ein Impuls, der von Kassel ausging und die Welt mit einer neuen Ideologie eroberte. Zeitgenossen formulieren es heute so: „Es ging viral und Joseph Beuys war der Influencer.“
Eine Stadt mit Seele
In unserer Verpackungsgesellschaft, in der die Präsentation wichtiger ist als die Ware, oder die Hochzeit wichtiger ist als die Liebe, zeigt uns Kassel ein anderes Gesicht von einer Großstadt. Vielleicht ist die Stadt keine Schönheit, aber sie hat innere Werte, die sie unwiderstehlich machen. Die Stadt ist ehrlich, vielfältig und bereit, sich stets zu verändern. Sie durstet nach Neuem. Städte mit historischen Stadtkernen sind aus toten Steinen gebaut. Darüber schwingt der Denkmalschutz das Schwert des Damokles, jedwede Veränderung abzustrafen. Dort verändert sich nichts. In Kassel hingegen feiern die Nordhessen die Erneuerung. Nur hier werden Steine gepflanzt, um neues Leben zu erschaffen. Die Stadt wurde von den Alliierten im Zweiten Weltkrieg so arg zerstört, dass kaum ein Stein auf dem anderen stehenblieb. Dadurch entstand eine neue Stadt mit Herz, wie Phoenix aus der Asche. Kassel lebt. Wenige Jahre nach Kriegsende, 1955, richtete Kassel die Bundesgartenschau aus. Zeitgleich stellte Arnold Bode die erste Documenta im noch zerstörten Fridericianum auf die Beine. Kassel entpuppte sich als Wiege der deutschen Nachkriegskunst. Die Kasseler sehnten sich nach Schönheit, nach Blumen, Musik und Kultur in jenen düsteren Tagen.
Der Tag ist jung
Es war ein ereignisreicher Tag. Wir waren shoppen, haben unsere Geschmacksnerven verwöhnt, und vor allem haben wir Großstadtluft geschnuppert. Wir sind immer noch motiviert und gut gelaunt. Es hat richtig Spaß gemacht. Wir haben viel gesehen, viel erlebt, aber der Tag ist lange nicht vorbei. Wir stehen an der Drahtbrücke und fühlen uns aufgezehrt. Die Zeichen stehen heute auf Genuss, und so kommt uns eine super Idee: Wir lassen den Tag entspannt ausklingen und relaxen in der Kurhessen Therme.
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