Zwei Freunde im Zug der Deutschen Bahn auf dem weg nach Marburg
Stressfrei und entspannt: Das Zugabteil bietet Raum zum Lesen, Plaudern und für den kleinen Imbiss.

Ich fuhr, sah und staunte – Marburg-Brilon

Verschneite Straßen, Eisglätte und nur wenig Lust, mit dem Auto zu fahren. Gleichzeitig lockt die winterliche Landschaft mit Abenteuer und Entdeckungen. Wir haben uns in den Zug gesetzt und wollten den Landkreis mal mit anderen Augen sehen: eine Entdeckungstour aus dem rollenden Waggon heraus.

Ende November – das Wetter ist trüb, die Temperaturen sind im Keller und der alljährliche Advents-Run auf die Weihnachtsmärkte und Einzelhandelsgeschäfte der Region um Marburg-Brilon hat noch nicht begonnen. Wir stehen am Hauptbahnhof der Philipp-Soldan-Stadt Frankenberg. Ein paar Pendler und kleinere Reisegruppen säumen den Bahnsteig. Irgendwer hatte die Idee, der Frage nachzugehen, wie es wohl wäre, den Landkreis mal anders zu erleben. Mit einem neuen Blickwinkel: aus dem Abteil eines Eisenbahnwaggons heraus. Völlig unabhängig vom Wetter und von den winterlichen Straßenverhältnissen. Einfach mal das eigene Auto stehen lassen, stattdessen gefahren werden und aussteigen, wo es gerade gefällt. Entschleunigt, wenn man so will. Und umweltschonend sowieso.

edlake Tipp

Mit einer Gruppe aus 5 Personen und dem Quer-durchs-Land-Ticket könnt ihr für unter 20 Euro einen ganzen Tag durch die Republik fahren.

Das Streckennetz der Kurhessenbahn findet ihr unter: www.kurhessenbahn.de

Unser Ziel ist Brilon. Einmal nordwärts durch den Landkreis sozusagen. Mit der Kurhessenbahn vorbei an den Ausläufern des Edersees, durch Korbach, weiter nach Willingen und schlussendlich Ankunft im benachbarten Sauerland. Da die geneigten Leserinnen und Leser unseres kleinen, aber feinen Magazins ohnehin jedes Stadtporträt verschlingen, werden dieses Mal also weniger die Ortschaften entlang der Strecke vorgestellt, als vielmehr das Erleben des Weges an sich. Folglich getreu unserem Anspruch: ein Erlebnismagazin für die Ferienregion im Herzen Deutschlands. 

Gemessen am Ziel unserer Reise, beginnt die Fahrt im Frankenberger Edertal topografisch eher flach. Weite Wiesen und Felder, kleinere Ortschaften und einzelne Gehöfte säumen den Weg. Dem Verlauf des Flusses folgend, passieren wir unter anderem Viermünden und Schmittlotheim. Bevor die Gleise in Herzhausen den begleitenden Ederlauf verlassen, böte sich die Chance, einen Abstecher zum Edersee mit seinen zahlreichen Ausflugszielen zu unternehmen. Wer sich für unseren Trip gar mehrere Tage Zeit nehmen will und vielleicht sogar die Fahrräder dabei hat, dem sei der Ausstieg hier empfohlen. Gern auch unter Wahrnehmung einer der vielfältigen Übernachtungsmöglichkeiten rund um den Stausee. Alle anderen: Vorsicht an der Bahnsteigkante, Türen schließen und weiter in Richtung Korbach.

Deutsche Bahn Zug am Bahnhof
Je nach Gruppengröße und Reiseroute bzw. -dauer bieten sich verschiedene Tickets an. Quer-durchs-Land-Ticket, Hessenticket, Schönes-Wochenende-Ticket, Einzel- und Tageskarten. Auf www.bahn.de könnt ihr euch einen Überblick verschaffen
Nach Lust und Laune die Region entdecken

Möglich ist diese Form des Entdeckens hier im Landkreis übrigens erst seit 2015 wieder. Damals wurde die Bahnstrecke Korbach-Frankenberg nämlich reaktiviert. Unter anderem mit fünf neu errichteten Zwischenstationen. Im Jahr 1987 hatte der Siegeszug der Eisenbahn eine kurze Pause eingelegt und viele Bahnstrecken im oberen Edertal wurden stillgelegt, zurückgebaut und den Geschichtsbüchern überlassen. Glücklicherweise hat man sich eines Besseren besonnen. Mittlerweile verfügen alle Bahnstationen entlang der Strecke über eine Park- und Rast-Anlage sowie Fahrradstellplätze. Jeder kann also völlig flexibel und nach Lust und Laune zusteigen, einen beliebigen Teil der Strecke fahren und die Ferienregion genießen.

Vor dem Fenster zieht der Winter vorbei

Schon kurz nach Herzhausen beginnt sich die Strecke deutlich zu verändern. Es geht bergauf. Eine leichte Schneedecke überzieht die Landschaft, und unser Zug quert die nebelbehangenen Berge. Nicht mehr lange, dann erreichen wir die Hansestadt Korbach. Von hier aus haben wir alle Möglichkeiten, unsere Reise abwechslungsreich zu gestalten. Ein Bummel durch die Korbacher Altstadt? Vom 2018 anlässlich des Hessentages umgebauten Bahnhof ist es nur ein Katzensprung bis zur Einkaufspassage. Oder vielleicht weiter bis nach Kassel, den Herkules besichtigen und anschließend den ICE-Bahnhof der Stadt als Sprungbrett in den Rest der Republik nutzen? Die Vielfalt lässt uns kurz schwanken, doch unsere Entscheidung steht fest. Wir fahren weiter nach Brilon. Auch, weil es gerade erst anfängt, im Abteil gemütlich zu werden.

Der vorbeiziehende Winter da draußen, er bekräftigt uns Höhenmeter um Höhenmeter in unserer Idee, den Landkreis mal mit dem Zug zu erleben. Die Schneedecke wird deutlich dicker, je weiter wir uns von Korbach entfernen. Nicht auszudenken, man müsste jetzt mit dem Auto, hochkonzentriert, angespannt und ausschließlich mit Blick auf die Straße, hier entlangfahren. Stattdessen sitzen wir hier im gemütlich warmen Abteil. Ein kurzer Smalltalk mit dem freundlichen Zugbegleiter über Sinn und Zweck unserer Reise. Die Blicke schweifen über die Sitzreihen, hinaus zum Fenster auf die vorbeiziehende, sich ständig wandelnde Landschaft. Wie ein kleiner Abriss aus dem Erdkundeunterricht.

Büro mit Aussicht

Nach einem kurzen Imbiss mit Kaffee aus der Thermoskanne am Tisch unseres Abteils erörtern wir die bisherigen Eindrücke unserer Fahrt sowie die Vor- und Nachteile des Zugfahrens im Allgemeinen. Ganz klarer Sieger der Debatte: Wer einen ruhigen Platz sucht, um in der aktuellen Ausgabe von „edlake“ zu schmökern, der wird ihn in der Kurhessenbahn finden. Andere Fahrgäste nutzen die Zeit zum Arbeiten; Laptop auf dem Tisch und Headset auf dem Kopf. Mit dem Panorama, das ein Waggonfenster bietet, kann wohl nur selten ein Großraumbüro mithalten.

Freunde laufend durch die Fußgängerzone in Korbach
Die Fußgängerzonen liegen – wie hier in Korbach – oft nur wenige Gehminuten vom Bahnhof entfernt. Wie lange der Aufenthalt dauern soll, liegt im Ermessen der Reisenden. Warum nicht mal über Nacht bleiben und die Entdeckungstour erst am nächsten Tag fortsetzen?
Ein U-Boot im Upland?

Teilweise ist durch den dichten Nebel kaum etwas von den Bergen und Tälern des auslaufenden Rothaargebirges zu erkennen. Vereinzelt blitzen mit Schnee bedeckte Wirtschaftswege aus dem Dunkel des Waldes hervor. Wir passieren Usseln. Irgendwann lichten sich auch die letzten Nebelschwaden und geben den Blick wieder frei. In einiger Entfernung erspähen wir mehrere alte Flugzeuge. Abgestellt vor einer Halle mit dem deutlich lesbaren Namen „Curioseum“. Wen dieser Name noch nicht neugierig gemacht hat, den dann sicher das kuriose Gefährt, das zumindest für uns und in der Vorbeifahrt wie ein ausrangiertes U-Boot aussieht. Wann und warum das dort gestrandet ist? Steigt doch bei eurer Fahrt durch den Landkreis einfach hier in der Gegend aus und schaut euch im Curioseum um.

Nicht mehr lange, dann erreichen wir Willingen. Für die einen die Partyhochburg im Upland, für die anderen Wintersportparadies und Freizeitmekka. Und für uns? In erster Linie ein atemberaubender Panoramablick, während wir im beruhigend dahingleitenden Zug über das langgezogene Viadukt fahren, das sich über das Tal erstreckt. Noch mehr Aussicht bietet vermutlich nur die Aussichtsplattform auf dem Hochheideturm auf dem Ettelsberg. Mit dem Zug sind wir zwar noch keine 875 Meter über dem Meeresspiegel, aber weit … weit über den Dächern von Willingen, und fragen uns, warum wir eigentlich noch nie so eine Tour unternommen haben und die Wahl stattdessen immer wieder aufs Auto gefallen ist.

Denn ein weiterer angenehmer Neben-effekt liegt augenscheinlich auf der Hand: keiner muss selbst fahren. Gerade wenn man in kleinen Grüppchen reist, sollte einem im bitterkalten Winter niemand den dampfenden Glühwein aus der mitgebrachten Thermoskanne verwehren, oder? Schließlich kann es nur förderlich sein, den Körper vor einer ausgedehnten Winterwanderung auf Betriebstemperatur vorzuheizen.

Entdeckertour auf über 300 Kilometern

Brilon, unser Tagesausflug neigt sich dem Ende entgegen. Das Kneipp-Heilbad im Sauerland bietet genügend Möglichkeiten zum Verweilen, wenn man Zeit mitbringt und nicht am gleichen Tag den Rückweg antreten muss. Übrigens, mit über 77 Quadratkilometern Stadtwald zählt Brilon zu den Städten mit dem größten kommunalen Waldbesitz in Deutschland. Ausgedehnte Wandertouren sind hier also eher Pflicht als Kür. Gerne auch schon eine Station eher: in Brilon-Wald nämlich.

Heute haben wir zwar nur einen kleinen Teil des Streckennetzes der Kurhessenbahn befahren, doch vielleicht war dies ja nur der Anfang. Schließlich sind täglich rund 7.500 Fahrgäste zwischen Brilon, Korbach und Kassel sowie zwischen Marburg, Frankenberg und Erndtebrück unterwegs. Auf dem insgesamt 308 Kilometer langen Streckennetz mit seinen 57 Bahnhöfen warten unzählige individuelle Reise- und Ausflugsrouten darauf, entdeckt zu werden. Die jährlich gefahrenen 2,9 Millionen Zugkilometer wollen mit Leben gefüllt und neuen Abenteuern gespickt werden.

Unsere Empfehlung an dieser Stelle ist daher so klar wie einfach: Packt Freunde und Proviant ein, nehmt Platz in der Kurhessenbahn und entdeckt den Landkreis doch einfach mal neu. Und seid gewiss, die Zeit vergeht hier wie im Zug. 

Teil des Streckennetzes der Kurhessenbahn
Hinter den Waggonfenstern erstreckt sich ein ganzes Panorama an unterschiedlichen Landschaften. Das nebelverhangene Skigebiet von Willingen ist ein Paradies für Wintersportler.

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