Sprengstoff für das Edertal

Unser Auto parken wir auf dem Parklatz in Hemfurt an der Edertalsperre. Zu Fuß geht es einen kurzen Weg zum Vorplatz. Der Platz ist modern, sauber und großflächig. Ein künstliches Rinnsal schlängelt sich kurvenreich durch das Pflaster quer über den Platz bis zu einem Wasserspielplatz. Das Rinnsal stellt den Lauf der Eder nach und der Spielplatz hat exakt die Form des Edersees. Eine gute Idee, finden wir. Es ist früh morgens und herbstlich frisch, sodass alles noch fast menschenleer ist. Nun, Sprengstoff gibt und gab es an der Edertalsperre schon immer. Sei es die Bombardierung im Zweiten Weltkrieg, oder der emotionale Sprengstoff der Gegenwart. Eines liegt jedoch auf der Hand: Nichts prägt das Waldecker Land so sehr wie die geliebte Sperrmauer. Ein Leben ohne sie ist für kaum einen Bürger vorstellbar. Für uns ist es endlich an der Zeit, uns näher damit zu beschäftigen.

Im Besucherzentrum

Neu angelegt, findest du an prominenter Stelle das neue Besucherzentrum. Die Architektur wirkt etwas verwirrend, ist aber einfach erklärt: Das Gebäude stellt ein Teilstück der Sperrmauer dar, als würdest du ein Stück einer Torte herausschneiden. Wir öffnen eine massive Tür, um einzutreten. Innen ist es düster gehalten, um den Charakter eines historischen Gemäuers zu untermalen. Eine Mitarbeiterin und ein Mitarbeiter der Edersee-Touristik begrüßen uns freundlich. Neben einigen Souvenirs und Informationsbroschüren aus der Region fallen drei bequeme Sessel auf. Wir setzen uns hinein und genießen das Ambiente. Vor uns blicken wir durch eine riesige, getönte Panoramascheibe direkt auf die Edertalsperre. Es ist schon ein imposanter Anblick! Bei genauer Betrachtung fällt eine Unregelmäßigkeit auf. Die an sich rhythmisch angelegten Auslaufschächte unterhalb der Krone sind auf einem kurzen Stück unterbrochen. An dieser Stelle hat das Gemäuer auch eine etwas andere Struktur und Färbung. Dieses Stück ist etwa U-förmig und nimmt ungefähr zwei Drittel der Höhe ein. Das Teilstück ist bei Niedrigwasser ebenfalls deutlich auf der anderen Seite der Mauer zu erkennen. Diese Stelle wurde im Zweiten Weltkrieg bombardiert und sorgte für die größte historische Katastrophe in der Region.

17. Mai 1943

Die Sirenen heulten. Eine Lancaster der britischen Luftwaffe hatte eine heikle Fracht an Bord: eine Rotationsbombe. Sie sollte aufgrund ihrer enormen Rotationsenergie ein Loch in die Edertalsperre reißen. Der Abwurf war ein schwieriges Manöver. Die Lancaster musste mit einer exakten Geschwindigkeit von 385 km/h fliegen und die Bombe 400 m vor der Mauer in einer Flughöhe von exakt 18,30 m abwerfen. Uns erinnert das an Luke Skywalker, als er den Kampfstern ausschaltete. Es gelang den Briten auch erst beim allerletzten Versuch. Aber dieser Versuch richtete einen unfassbaren Schaden an. Ein riesiges Stück der Mauer wurde weggerissen und gewaltige Wassermassen überfluteten das Edertal. Das Wasser riss hauptsächlich zivile Opfer in den Tod. Ein Kriegsverbrechen?

Das Wasser lief drei Tage lang durch das Loch. Alle Ederbrücken bis Fritzlar mussten neu aufgebaut werden und die Fluten überschwemmten selbst Kassel.

Die Mauer des historischen Gebäudes während der Sanierung, Krone abgetragen und im Wiederaufbauprozess zwischen 1991 und 1994.
Während der Sanierung zwischen 1991 und 1994 wurde die komplette Krone der Mauer abgetragen und neu aufgebaut.
Der Weg nach unten

Wir bleiben noch einige Zeit im Sessel sitzen und diskutieren über die Katastrophe. Erst wenn du das Loch in der Mauer erkennst, kannst du dir die Dimension vorstellen.

Um noch mehr Informationen zu erhalten, müssen wir hinab ins Untergeschoss des Besucherzentrums. Hier wartet eine Multimediashow auf uns. Etliche Beamer werfen Bilder und historische Filme in riesigem Format an die Wände. Auch hier finden wir Sitzgelegenheiten in Form eines Kreises. So können wir die beeindruckenden alten Fotos genießen und auf uns wirken lassen.

Auf der Krone

Es ist Freitag Vormittag und die Sonne steht schon etwas höher am Himmel. Auf der Sperrmauer finden in diesem Sommer Renovierungsarbeiten an den Dächern statt. Deshalb ist die Edertalsperre wochentags für Besucher gesperrt. Um zur anderen Seite zu gelangen, musst du einen Weg von fünf Kilometern in Kauf nehmen. Allerdings wird zum Wochenende die Mauer für Besucher geöffnet, und so können wir jetzt auch über die Mauer promenieren. Dass die Dacharbeiten unbedingt in der Ferienzeit vom Wasser- und Schifffahrtsamt beauftragt werden mussten, ist schlecht organisiert.

Wir haben die Mauer vorher etliche Male überquert, aber bei diesem niedrigen Wasserstand bekommst du schnell ein beklemmendes Gefühl. Das Wasser ist merkwürdig grün gefärbt, und der Blick nach unten zum Wasser lässt schnell einen Schwindel aufkommen.

Edersee-Atlantis

Segelschulen, Ederseeschifffahrt, Restaurants und Hotels teilen sich das schwere Schicksal des leeren Edersees. Eher aus purer Verzweiflung entstand der Begriff „Edersee-Atlantis“, um wenigstens noch einige Tagesgäste an den verschwundenen Edersee zu locken. Wenn der Edersee kaum noch Wasser führt und unter 20% Füllsand aufweist, tauchen die Reste der ehemaligen Orte auf, die sich im Ederseebecken vor 1914 befanden. Es sind die Orte Bringhausen, Berich und Asel. Du findest hier nur noch einige Fundamente und Ruinenreste, da die ehemaligen Häuser abgetragen wurden. Sie lieferten Baumaterial für neue Häuser an höher gelegenen Orten. Interessant ist ein Modell der Sperrmauer, das zwischen dem versunkenen Ort Berich und Niederwerbe liegt. Dieses Modell findest du aber nur bei extrem niedrigem Wasserstand unter 13%. Im Herbst 2025 liegt es frei, und du kannst es trockenen Fußes erreichen. Die frühere Brücke bei Bringhausen wurde entfernt. Es stehen nur noch die Brückenpfeiler, damit die Brücke unter Wasser der Schifffahrt nicht gefährlich wird. Eine weitere Brücke bei Asel Süd ist noch komplett erhalten. Sie wurde sogar vor einigen Jahren instand gesetzt. Schätze wirst du in den ehemaligen Orten auf keinen Fall finden. Die Bürger der Orte waren nicht besonders reich. Vor allem hatten sie genügend Zeit, alles mitzunehmen. Was noch bleibt, sind coole Fotospots für außergewöhnliche Aufnahmen.

Eine kurze Timeline

1908: Beginn der Bauarbeiten der Edertalsperre
1914: Fertigstellung der Talsperre
1914 bis 1992: Betrieb des Wasserkraftwerks Hemfurth 1
1927 bis 1992: Betrieb des Wasserkraftwerks Hemfurth 2
1943: Zerstörung der Edertalsperre
1943 bis 1944: Wiederaufbau der Sperrmauer
2014: Einbau der LED-Beleuchtung

Tempora mutantur

Die Zeiten ändern sich. Und sie ändern sich gewaltig. Jedes Jahr aufs neue ärgern sich die Anwohner des Edersees im Sommer über die verbleibende Pfütze, die einst der saubere Edersee war und sich jetzt zur türkisgrünen Blaualgenparty mutiert. Der Schuldige ist schnell gefunden: Das Wasser- und Schifffahrtsamt in Hann. Münden. Sie lassen aus reiner Bösartigkeit das Wasser aus dem Edersee ab, nicht zuletzt, um es Industriebetrieben in Kassel zu ermöglichen, Abwässer in die Flüsse zu leiten und dabei brav die Grenzwerte einzuhalten. Die Touristikbranche der Weseranlieger gießt noch zusätzlich Öl ins Feuer, indem sie jammert, dass der Wasserpegel der Weser gesunken ist und der Tourismus darunter leidet. Das schürt natürlich die Wut der Edersee-Anlieger, deren Touristik-Unternehmen keine Chance haben, langfristig zu überleben.

Aber ist das wirklich so? Hat eine Behörde wie das Wasser- und Schifffahrtsamt so viel Befugnis, willkürlich den See mit all den Tieren und Pflanzen mutwillig zu zerstören? Vermutlich mag es gewaltige Misswirtschaft und Gleichgültigkeit geben, aber der Fisch stinkt bekanntlich immer am Kopf. Das Amt hält an den bestehenden Gesetzen und Vorschriften fest. Und ebendiese sind so alt wie und älter als die Sperrmauer selbst. Sie stammen teils noch aus Kaisers Zeiten.

Um festzustellen, ob eine große Schneeschmelze bevorstand, wurde ein Bote per Pferd in die Berge geschickt, der schätzen sollte, wie viel Schnee dort liegt und wie viel Wasser zu erwarten sein würde. Dementsprechend wurde das Wasser abgelassen, um Hochwasser zu vermeiden. Um dem wirkungsvoll nachzukommen, wurden per Erlass drei Meter Stauraum in jedem Januar abgelassen. Das machte seinerzeit noch Sinn. Heute haben wir modernste Technik, die das zu erwartende Schmelzwasser berechnen kann. Somit ist es kein Problem, die Wassermenge präzise zu regulieren. Das WSA (Wasser- und Schifffahrtsamt) muss sich aber an die bestehende Gesetzeslage halten. Das Problem ist also, dass die Gesetze und Vorschriften von der Bundesregierung nicht angepasst werden.

Willkommen bei den Muppets

Leider leben wir in einer Zeit, in der der Bundestag damit beschäftigt ist, über populistischen Unsinn zu streiten und Massen an Geldern nach oben umzuverteilen. Für solchen Firlefanz wie die Vorschriften über den Stauraum des Edersees zu überarbeiten, ist eben keine Zeit, und das bereits seit etlichen Legislaturperioden. Da kommt einem so manche Bundestagsdebatte schon vor wie eine Episode aus der Muppet-Show.

Niedriger Wasserstand der Edertalsperre zeigt das Loch in der Sperrmauer, das 1943 durch eine Bombe entstand. ©Marcus Brauer
Bei niedrigem Wasserstand erkennst du das Loch, das die Bombe 1943 in die Sperrmauer riss. So wird das komplette Ausmaß der Katastrophe sichtbar.
Energie!

Die Edertalsperre hatte eine weitere Funktion. Unterhalb der Mauer liegt ein Wasserkraftwerk zur Stromerzeugung. Hier wurde klimaneutraler Strom produziert, der jederzeit verfügbar war. Dies ist der große Vorteil von Wasserkraftwerken, die nicht von Sonne oder Wind abhängig sind. Leider wurde das Kraftwerk 1992 außer Betrieb genommen.

Der große Umbau

In der Zeit von 1991 bis 1994 musste die Edertalsperre von Grund auf saniert werden. Das war notwendig, um die Stabilität der Mauer zu erhalten. Die Mauer wurde von innen neu verstrebt und die komplette Krone abgetragen. Beim Wiederaufbau erhielt die Mauer einen stilechten, liebevollen Aufbau, den du heute genießen kannst. Vor dieser Sanierung konntest du sogar noch mit dem Auto einseitig über die Mauer fahren. Das ist natürlich nicht mehr zeitgemäß. Die Bauarbeiten in gewaltiger Höhe waren bemerkenswert und sorgten für spektakuläre Fotos.

Eine unendliche Geschichte

Die Sperrmauer ist inzwischen 111 Jahre alt. Kein Zeitgenosse unserer Tage hat den Bau miterlebt. Um die Sperrmauer ranken sich viele Geschichten. Das Bauwerk ist ein gewaltiges Monument, dem wir so viel zu verdanken haben. Nicht zuletzt der Edersee sorgte dafür, die Auszeichnung als UNESCO-Weltnaturerbe zu erhalten. Die Mauer wird uns auch in Zukunft beschäftigen. Sie gibt unserer beeindruckenden Landschaft ein ständig wechselndes Gesicht. Sie sorgt dafür, dass Schwarzstörche und Eisvögel bei uns eine Heimat gefunden haben, und hat uns auch wirtschaftlich viel gebracht. Was bleibt, ist, die Edertalsperre auch politisch auf ein gesundes Fundament zu setzen. Es sollte doch nach 111 Jahren möglich sein.  

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