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Zurück in die Zukunft – Auf Zeitreise durch Marburg

In direkter Nachbarschaft zu Waldeck-Frankenberg liegt an den Ufern der Lahn Marburg. Eine Stadt, die wie kaum eine zweite Tradition und Moderne, Weltoffenheit und Vielfalt verbindet. Entdeckt mit uns die Lahn, die Gassen der Oberstadt und den Geist alter Gelehrter.

Oh, Marburg … Viel mehr muss man eigentlich nicht sagen. Wer sich an dieser Stelle fragt, warum, dem seien die nächsten Seiten dringlichst ans Herz gelegt. Und im Anschluss ein unbedingt überfälliger Besuch in der sommerlichen Lahn-Perle. Der Autor dieser Zeilen darf es sich übrigens leisten, in möglicherweise überschwänglicher Art von der altehrwürdigen Studentenstadt zu berichten. Ist er doch zugezogen nach Hessen und schlichtweg begeistert. Vom Charme, vom Lebensgefühl, vom Dreiklang aus Tradition, Offenheit und Zuversicht.

Kein klassischer Rundgang

Drei gute Stichworte. Denn wir folgen auch in der Sommerausgabe 2023 unserer Tradition und porträtieren eine Stadt, die es uns wert erscheint. Wir sind so offen und sagen: Bei einem regionalen Magazin kann man davon ausgehen, dass vermutlich über 90 Prozent der Leserschaft Marburg bereits kennt. Die klassische Sightseeing-Tour, von der Elisabethkirche über die Alte Universität hinauf zum Landgrafenschloss, die ersparen wir uns. Und genau deshalb sind wir zuversichtlich, dass wir den richtigen Nerv treffen. Stattdessen nehmen wir euch mit auf eine Tour durch Marburg, so wie sie uns gefallen würde. An Ecken, die wir für „typisch“ für diese Stadt halten und die den ganz eigenen Flair von Marburg ausmachen.

Innenstadt von Marburg

Hinaus auf den Fluss

Untrennbar mit Marburg verbunden ist die Lahn. Warum also nicht genau hier unsere Tour starten, oder? Also los. Unmittelbar unterhalb der Weidenhäuser Brücke liegt das Ufercafé. Idyllisch unter Bäumen, umrahmt von Fluss und Uferpromenade. Wir müssen wählen: Gemütlich einkehren oder vielleicht doch erst eine Runde mit dem Tretboot über die Lahn schippern. Die Entscheidung fällt leicht. Wir wollen Marburg von einem anderen Blickwinkel entdecken und besteigen das Boot.

Die gezielten Tret-Einheiten mögen für Außenstehende womöglich der falsche Einstieg in einen Stadtrundgang sein. Doch für Marburg sind sie genau die richtige Aufwärmübung. Aufwärmen? Ganz richtig gelesen, wir haben noch viel vor an diesem Frühsommertag. Kaum sind die Seile gelöst, wirkt auch die Verbindung zum geschäftigen Treiben an und über der Lahn wie gekappt. Die Ruhe des Flusses überträgt sich unweigerlich auf Boot und Besatzung. Man schippert dahin, lässt die malerische Kulisse der Oberstadt auf sich wirken und vergisst zwischen Weiden, die ins Wasser ragen, und den musikalischen Klängen, die von den Besuchern der Lahnwiesen herüber- schallen, beinahe, dass das Tretboot ja nur für eine halbe Stunde gemietet ist.

Gefesselt vom Fachwerkcharme

Die Zeit vergessen kann man nicht zum letzten Mal an diesem Tag auch in Weidenhausen. Diesem altehrwürdigen Stadtteil mit seinen Fachwerkhäusern, kleinen Geschäften und gemütlichen Wirtschaften, die zum Flanieren und Verweilen einladen. Direkt hinter dem Ufercafé übrigens. Also der unweigerlich nächste Stopp auf der edlake-Tour. Oder besser, der unbedingt in Kauf zu nehmende Umweg hinauf zur Oberstadt. Denn hier beginnt das wirklich alte Marburg, mit seinen Stadtrechten, die ins 13. Jahrhundert zurückreichen. Aus dieser Zeit stammt auch die Weidenhäuser Brücke, die das ehemalige Gerberdorf mit der Schloss-Seite verbindet. Charakteristisch für beide Lahnseiten sind die kleinen Gassen, die sich wie ein dicht verzweigtes Netz aus Versorgungsadern durch das Herz der Stadt ziehen. In der Oberstadt noch viel deutlicher zu erleben als in Weidenhausen, das mit seiner unmittelbaren Nachbarschaft an das jugendstilhafte Südviertel den Anschluss an das moderne, neuzeitliche Marburg sucht.

edlake-Tipp

Ganz klar: Einfach ankommen und treiben lassen – ganz ohne Plan. Die Stadt erleben, erfahren und entdecken. In einem der Spätis ein kaltes Getränk besorgen und vom Charme der Lahnstadt einfangen lassen. Die spontanen Erlebnisse sind ohnehin immer die besten.

Wer sich aber einen groben Überblick verschaffen will, unter marburg-tourismus.de findet ihr so ziemlich alles, was in Marburg sehens- und erlebenswert ist.

Seit Jahrhunderten unverwechselbar

Von zeitgenössischen architektonischen Kapriolen weitgehend verschont geblieben ist die Altstadt unterhalb des Landgrafenschlosses, die wir von der Fußgängerbrücke über die Lahn erkennen können. Das beeindruckende Fachwerkensemble prägt die Kulisse der achtgrößten Stadt Hessens und macht sie unverwechselbar. Ein Grund hierfür ist, dass die Oberstadt in ihrer Form seit Jahrhunderten fast unverändert besteht. Auch aus dem Zweiten Weltkrieg ist Marburg glücklicherweise relativ unversehrt hervorgegangen. Die großflächigen Zerstörungen anderer Städte und Ballungsgebiete blieben der Lahnstadt nämlich erspart.

Hin und her gerissen zwischen der Neugier auf das historische Ambiente und einem sommerlichen Abend auf den einladend grünen Lahnwiesen, unter Menschen aus aller Herren Länder, fällt die Entscheidung schwer. Doch die Gebrüder Grimm, Martin Luther und ein allzu menschliches Hungergefühl ziehen sinnbildlich an unseren Händen, bevor die Knie weich zu werden drohen.

Auf Luthers Spuren

Inwieweit Luther weiche Knie bekam, als er im Herbst des Jahres 1529 auf Einladung des Landgrafen Philipp zur illustren theologischen Diskussionsrunde nach Marburg reiste, ist nicht bekannt. Konsens herrscht aber darüber, dass es sich bei dem Treffen zwischen Martin Luther, Huldrych Zwingli und einigen weiteren Denkern der Reformation um die vermutlich bedeutendste Versammlung dieser Art zur damaligen Zeit handelte. Das „Marburger Religionsgespräch“ sollte den Streit zwischen Luther und Zwingli über das Abendmahl beilegen. Einigen konnten sich die beiden nicht. Doch mit den „Marburger Artikeln“ entstand immerhin das einzige reformatorische Dokument, das beide Theologen gemeinsam unterzeichneten.

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Handkäs mit Musik

Vor unserem Eintauchen in diese längst vergangene Zeit liegen jedoch unzählige Treppenstufen. Mehrere hundert sind es vom Fluss bis hinaus zum Schloss. Nach der erfolgreichen Erwärmung im Tretboot kein Problem mehr. Fehlt nun eigentlich nur noch die nötige Stärkung, um das Abenteuer Altstadt zu meistern. Bars, Restaurants, Bistros – das gibt es zuhauf in der Oberstadt, für jeden Geschmack und jede Vorliebe.

Eine Frage beschäftigt uns auf der profanen Suche nach einer Mahlzeit allerdings durchgehend. Was ist typisch marburgerisch oder typisch hessisch? Die Antwort finden wir in einer der traditionellen Wirtschaften am Fuße der Oberstadt: „Handkäs mit Musik“. Die Erklärung folgt auf dem Fuße. Der Handkäs stammt aus dem Frankfurter Raum des frühen 19. Jahrhunderts. Damals formte man die Rundungen des Käses noch mit der Hand, woher auch der Name rührt. Traditionell wird der Handkäs in eine Marinade aus Essig, Öl, Apfelwein und Zwiebeln eingelegt, bevor er serviert wird. Mit der „Musik“ verhält es sich wie folgt. Die Klänge, oder vielmehr die Töne, die im Körper entstehen, wenn das Käse-Zwiebel-Gemisch verdaut wird, umschreibt der Hesse so kreativ wie liebevoll mit „Musik“. So viel dazu.

Die Treppen empor

Das flatulente Flötenspiel erklang während der edlake-Tour glücklicherweise nicht. Doch die nötige Kraft spendete die gutbürgerliche Küche allemal. Ein paar der 40 Treppen, die die Innenstadt ihr Eigen nennt, sollten also problemlos zu erklimmen sein. Selbstverständlich existieren auch Aufzüge. Aber Marburg erleben, heißt eben auch, die Waden zu quälen. Zwar ist nicht jede der Treppen ein klassisches Postkartenmotiv, das man in die Heimat schickt, aber sie sind mehr als typisch für die 76.000-Einwohner-Stadt.

Insider-Tipp

Der Plattenladen am Steinweg. Oder falls noch eine Wanderung im Rotkäppchenland anstehen sollte, der Tapir Outdoor Store, am Grün 50.

Blick in die Vergangenheit

Apropos typisch. Sehr oft führen die Stufen durch überaus enge Gassen hinauf. Diese biegen häufig kurzerhand ab, schleusen den Besucher an uralten Fachwerkfassaden und hölzernen Pforten vorbei, um plötzlich auf einem belebten Platz zu enden. Es ist keine Seltenheit, dass nur eine einzelne Person durch eine solche Gasse passt. Eine Zeitreise war selten so einfach und intensiv zu erleben wie in der Marburger Oberstadt.

Wie lange man dabei in der Vergangenheit verweilen will, ist jedem selbst überlassen. Ein empfehlenswerter Einstieg in die Epoche um das Jahr 1800 ist in jedem Fall die Wendelgasse unterhalb der Lutherischen Pfarrkirche St. Marien. Von hier aus passiert man die durch uralte Mauern umsäumten, märchenhaften Hinterhöfe und verwunschenen Gärten. Spätestens jetzt fühlt man sich mit den Gebrüdern Jacob und Wilhelm Grimm verbunden. Die beiden Gelehrten, deren Namen so untrennbar mit den deutschen Märchen verwoben sind, studierten jeweils ab 1802 und 1803 in Marburg.

Wachsende Universität

Schon damals zählte die Philipps-Universität fast 300 Jahre. Und sie gilt heute als die älteste protestantisch gegründete Universität der Welt. In wenigen Jahren, 2027 nämlich, feiert die historische Lehranstalt ihren 500. Geburtstag. Bemerkenswert ist dabei, dass die Philipps-Universität erst nach 1866 an der bis heute andauernden Bedeutung gewann, nachdem sich die Studentenzahl vervielfachte. Dies ging einher mit der Annexion hessischer Gebiete durch Preußen im Zuge des deutsch-deutschen Krieges von 1866 den Preußen für sich entschied. Mit dem Wegfall aller innerdeutschen Grenzen nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871, stand dem Boom der Marburger Uni schließlich nichts mehr im Wege. Und heute, da wird das Leben der Stadt maßgeblich von den über 20.000 Studierenden aus aller Welt mitgestaltet.

Zurück im Jetzt

Um am Ende der Zeitreise wieder im Heute anzukommen, empfiehlt sich bestenfalls erneut der Weg über die Wendelgasse. Der Ausblick über die historischen Dächer der längst vergangenen grimmschen Welt hilft nämlich ungemein, sich nicht in allzu romantischen Vorstellungen zu verrennen. Denn das neuzeitliche Marburg, das alles andere ist als ein verschlafenes Märchendorf, erstreckt sich über den gesamten und nicht allzu fernen Horizont, drüben bei den Lahnbergen.

An dieser Stelle sei der Rückgriff auf den eingangs erwähnten Dreiklang aus Tradition, Offenheit und Zuversicht gestattet. Hatten wir dies zu Beginn als kreativen Kunstgriff ins Feld geführt, um nicht die klassischen Touristen-Hotspots zu beleuchten, soll er nun abschließend als griffiges Resümee für unsere kurze Reise durch Marburg dienen.

Tradition und Geschichte sind in Marburg in jeder noch so engen Gasse der Oberstadt mit allen Sinnen spürbar. Seine Offenheit gegenüber Besuchern und Studierenden aus aller Herren Länder ist beispiellos. Beides nährt die Zuversicht, dass Marburg auch in Zukunft das sein wird, was es immer schon war: Sehnsuchtsort.

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