Ranger Uwe beim umarmen von Buchen im Nationalpark Kellerwald-Edersee
Schon lange, bevor „Waldbaden“ in Mode gekommen ist, hat Uwe Liehr damit begonnen, das Umarmen und Erfühlen der Buchen in seine Touren zu integrieren.

Unterwegs im Nationalpark Kellerwald mit Ranger Uwe Liehr

Ein dichter Urwald im Herzen Deutschlands. Mit seinen über 7.500 Hektar Fläche bietet der Nationalpark Kellerwald-Edersee als UNESCO-Weltnatur-erbe reichlich Raum für Legenden, Abenteurer und Naturbegeisterte.

Im Kellerwald – so sagt man – leben die Boggel. Der Legende nach etwa 15 bis 20 Zentimeter kleine grüne Wesen, halb Pflanze, halb Tier; einem Buchenkeimling nicht ganz unähnlich. Gesehen hat die tropfenförmigen Kreaturen freilich noch niemand. Kaum verwunderlich, zwischen all den unzähligen Urwald-Buchen im Nationalpark. Selbst die erfahrenen Ranger noch nicht, die täglich durch den Wald patrouillieren.

Einer der sieben Nationalpark-Ranger, Uwe Liehr, der liebevoll auch Boggelranger genannt wird, trägt aber eines dieser Wesen aus Plüsch immer bei sich, wenn er durch den Nationalpark führt. Sein „Markenzeichen“, wie er sagt. Gemeinsam mit seinem Boggel hat Uwe es sich zur Aufgabe gemacht, „aktiv Informationen an die Besucher des Kellerwaldes zu verteilen“. Das gelingt ihm zum einen, indem er Wanderer oder Radfahrer in ungezwungene Gespräche verwickelt. Andererseits vermitteln Uwe und seine Ranger-Kollegen ihr umfangreiches Waldwissen in verschiedensten Führungen.

Ranger Uwe auf seiner Tour durch den Kellerwald

 
Bevor der Wald erwacht

Die Zielgruppen sind dabei so vielschichtig wie die Führungen selbst. Von mittlerweile 16 teilnehmenden Kindergärten der Region, die den Wald aktiv erleben, über generationenübergreifende Familienwanderungen (inklusive Waldbaden), bis hin zum „persönlichen Steckenpferd“ von Uwe Liehr, der Morgentau-Tour. Zwischen Mitte Mai und Ende Juli können Frühaufsteher die ganz besondere Aura des erwachenden Nationalparks erleben. Nach einer etwa 60-minütigen Fahrt über den nebligen Edersee geht es anschließend gut dreieinhalb Stunden durch den Wald. Ein gemeinsames Frühstück unter freiem Himmel rundet die Tour ab, die übrigens „auf Platz 49 der 50 Dinge steht, die ein Hesse gemacht haben sollte“, wie Uwe mit Stolz berichtet.

Beruf und Berufung

Im über 7.500 Hektar großen Nationalpark Kellerwald-Edersee hat Uwe Liehr seine Berufung gefunden. Wenngleich auch verhältnismäßig spät in seinem Leben. Denn erst im Alter von 49 Jahren kam der ehemalige Forstwirt aus dem Vogelsbergkreis in den Kellerwald. 2008 war das. Und seither betrachtet er es als „ein absolutes Privileg, im Nationalpark zu arbeiten“. Vor allem, weil es sein großer Wunsch war, Ranger zu werden. Heute, nach 13 Jahren im Kellerwald, der mittlerweile zum UNESCO-Weltnaturerbe zählt, schwärmt Uwe Liehr von seinem „unglaublich vielseitigen Beruf, der jeden Tag aufs Neue anders ist“. Etwas Wehmut schwingt in seinen Worten dann doch mit. Denn es ist sein letztes Dienstjahr. 2023 verabschiedet sich der erfahrene Mann des Waldes, und in seiner Funktion als Ranger auch Hilfspolizeibeamter, ins Rentenleben.

Täglich 15 km zu Fuß unterwegs

Bis es aber so weit ist, geht Uwe weiterhin gewissenhaft und voller Hingabe einer seiner Hauptaufgaben nach: der täglichen Gebietskontrolle. Und die ist mittlerweile wichtiger denn je. Denn seit etwa drei bis vier Jahren leidet der Nationalpark unter einem sich verschärfenden Buchenkomplexsterben. Der Grund hierfür ist leider sehr schnell wie einfach gefunden: Wassermangel mit sich anschließendem Pilzbefall. „Innerhalb von nur acht Wochen kann dadurch eine Buche komplett absterben und droht, unkontrolliert zu brechen.“ Gerade an den Wanderwegen stellt dies einen lebensgefährlichen Zustand für die Besucher dar. Entdeckt Uwe Liehr während seiner Gebietskontrolle gefährdete Partien, markiert er die betroffenen Bäume und protokolliert dies. Anschließend kommen Kollegen und bereinigen den Abschnitt.
12 bis 15 Kilometer Fußmarsch kommen so pro Tag für Uwe Liehr zusammen.

Bleibt zu hoffen, dass den Boggeln nicht das gleiche Schicksal zuteil wird wie den Buchen. Aber die Chancen stehen gut. Biologen haben nämlich herausgefunden, dass sich die ersten Jungbuchen bereits genetisch an die veränderten Bedingungen mit weniger Wasser angepasst haben, weiß Uwe zu berichten.

Ranger Uwe auf seiner Tour durch den Kellerwald

 
Wo früher kein Baum mehr stand

Veränderungen wie diese waren seit jeher fester Bestandteil des Kellerwaldes. Denn „Keller“ ist abgeleitet vom Wort „Köhler“. Beinahe unvorstellbar, dass dort, wo heute tausende Hektar Urwald unter Naturschutz stehen, im Mittelalter kaum mehr ein Baum zu finden war. Stattdessen prägten unzählige Holzkohlemeiler die Landschaft. Uwe Liehr resümiert: „Noch heute geben hunderte sogenannte Weilerplatten Zeugnis über diese vergangene Zeit“ und die historische Holzkohleherstellung.

Eine bewegte Geschichte

Ein weiterer und auf den ersten Blick recht unscheinbarer Hinweis auf die bewegte Geschichte des Kellerwaldes findet sich an zwei rudimentären, dunkelgrünen Torpfosten, die plötzlich den Weg säumen. Selbstverständlich kann Uwe auch diese Relikte historisch einordnen. „Im ausklingenden 19. Jahrhundert hatten die damaligen Waldeigentümer, die Grafen und Fürsten von Waldeck, erhebliche Probleme mit Wilderei und Wild auf den angrenzenden Feldern.“ 1894 ließen sie aus diesem Grund einen Zaun um 3500 Hektar Wald errichten, zu dem das eiserne Tor einst gehörte. Im Dritten Reich ließ Hermann Göring, in Personalunion auch Ministerpräsident Preußens, zu dem Waldeck nach dem Ersten Weltkrieg gehörte, das umzäunte Gebiet auf über 4700 Hektar erweitern, um es für die Jagd zu nutzen. Erst seit den 1990er Jahren erfolgte ein stückweiser Rückbau dieses Zaunes.

„Nicht der Wald stirbt, die Bäume sterben“

Barrierefrei im Urwald wandern

Und heute? Heute führt ein barrierefreier Weg zwischen den letzten Überresten des eisernen Tores hindurch. Auch hier finden sich die Aufgaben eines Rangers wieder. Dafür Sorge zu tragen, dass der Weg stets barrierefrei bleibt – also täglich die herabgefallenen Äste und ähnliche Hindernisse beseitigen. „Eine Sisyphusarbeit“, wie Uwe aufklärt.

Ob er denn nach seiner Pensionierung so ganz einfach den Nationalpark hinter sich lassen könne? Diese Frage beantwortet Uwe Liehr mit einem Schmunzeln: „Auf 450-Euro-Basis bleibe ich dem Wald erhalten, gebe weiterhin ein paar Führungen und mein Wissen aktiv an die Besucher weiter“. Wenn zum Beispiel ein paar Wanderer ratlos vor einer Buche stehen und den leicht aufgewühlten Boden betrachten, dann weiß Uwe das Rätsel mit dem Hinweis zu lüften, dass es sich dabei um die Plätzstelle eines Rehbockes handelt, der mit seinen Vorderläufen sein Revier markiert.

Aufgabenvielfalt

Von Pflanzenkunde über Wegekontrollen bis hin zur Gebietssicherung: Die täglichen Aufgaben eines Rangers sind so abwechslungsreich wie vielfältig.

Ranger Uwe auf seiner Tour durch den Kellerwald
Zukunftsweisend für die Region

Nationalpark ist der Kellerwald übrigens erst seit 2004. Nach unermüdlichen Kämpfen zahlreicher Umweltorganisationen fiel durch den damaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch schließlich die für die Region zukunftsweisende Entscheidung. Und damit im Kellerwald-Edersee auch in Zukunft die Natur Natur sein kann, legt Uwe Liehr jedem Besucher Folgendes ans Herz: „Wir bringen nichts mit. Wir nehmen nichts mit. Wir bleiben auf den Wegen.“

Neugierig geworden?

Im Nationalpark Kellerwald-Edersee werden geführte Rangerwanderungen angeboten, die das ganze Jahr über die Webseite zu buchen sind: www.nationalpark-kellerwald-edersee.de/de/naturerleben/rangerwanderungen

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