Es ist ein herrlicher Sommertag. Inmitten nordhessischer Natur bereiteten wir ein Treffen vor. Markus Jungermann und Franz-Joseph Göllner vom NABU werden uns hier tiefe Einblicke in die Arbeit des NABU geben. Zu erzählen gibt es viel und wir kommen sofort ins Gespräch.
Pioniere für den Naturschutz
Markus und Franz-Joseph sind Mitglieder des NABU Edertal. Für jede Kommune gibt es eine eigenständige Gruppe mit eigenem Vorstand. Die Arbeit der Mitglieder ist komplett ehrenamtlich. Der NABU Edertal umfasst 530 Mitglieder, was bei einer Einwohnerzahl von 6350 Einwohnern ein fantastischer Wert ist. Damit liegt Edertal, was die Mitgliederzahlen angeht, hessenweit vorn. Markus sieht den Grund für das Ansehen im Edertal in der Arbeit des ehemaligen Vorsitzenden Wolfgang Lübcke, der seinen Posten mit erstaunlichem Engagement ausfüllte. Er schrieb unter anderem zahlreiche Schriftstücke über die heimische Natur im Edertal. Die Gruppe im Edertal gründete Wolfgang Lübcke 1952 mit einigen Jugendlichen seines Alters. Er war damals elf Jahre alt. Mit dabei war auch Walter Lübcke, später bekannt als nordhessischer Regierungspräsident, der von Rechtsextremisten ermordet wurde. Die erste Aktion der Teenager war das Anbringen von Nistkästen.
Eine Organisation mit Tradition
Wir staunen, als Markus die Geschichte des NABU erzählt. Gegründet als „Deutscher Bund für Vogelschutz“ im Jahr 1899, änderte die Organisation später den Namen in NABU, weil es nicht nur um Vogelschutz, sondern um den kompletten Naturschutz geht. Markus verdeutlicht uns, wie wichtig es ist, die Zusammenhänge in der Natur zu verstehen. Jedes Tier und jede Pflanze leistet einen Beitrag zum großen Ganzen, und wenn auch nur ein kleiner Teil fehlt, stört es die gesamte Natur.
Für die Mitglieder organisiert der Vorstand alle zwei Monate einen Stammtisch, an dem wichtige und relevante Themen besprochen werden. Hierzu sind sämtliche Mitglieder eingeladen, sich einzubringen. Er ist auch offen für Nicht-Mitglieder, die sich einfach einmal informieren möchten. Darüber hinaus organisiert der Vorstand regelmäßige Wanderungen und Führungen, beispielsweise eine Nachtigallen-Wanderung, eine Biber-Wanderung, oder eine Führung zu Obstbäumen. Aber auch Arbeitseinsätze, wie die Pflege von Streuobstwiesen, gehören dazu.
Zitat Franz-Josef Göllner
„Warum setzen wir uns für den Schutz der Natur ein? Wir wollen die wild lebenden Tiere und Pflanzen schützen, aber auch deren Lebensräume. Wenn ein Vogel keinen Lebensraum hat, hilft es nichts, wenn man ihn schützen möchte. Er muss sich ernähren können und er braucht Nistmöglichkeiten, um sich zu vermehren. Das wichtigste Ziel ist es, die biologische Vielfalt zu erhalten oder wiederherzustellen. Es leben ungefähr zwei Millionen bekannte Tier- und Pflanzenarten auf der Erde. Die Wissenschaft schätzt, dass es zehn Millionen sind. Und eine von diesen zwei Millionen bekannten Arten ist der Mensch. Ohne ein Zusammenspiel mit den anderen Arten wird es für uns irgendwann schwierig, zu überleben. Wir Menschen brauchen immer mehr Platz, verbrauchen immer mehr Ressourcen, und alle anderen Arten müssen irgendwie sehen, wie sie überleben. Und das wird immer schwieriger. Die Wissenschaftler sagen, dass der Verlust der Arten, der Verlust der Vielfalt ein ganz großes Problem für die Menschheit ist. Das wird gar nicht ernst genommen, anders als die vielen anderen Katastrophen.
Und irgendwann kann es sein, dass in dieser Kette des Zusammenspiels Teile fehlen, was uns schaden könnte.“
Emsige Naturliebhaber
Der NABU Edertal verfolgt verschiedene Projekte. Zurzeit sorgen die Mitglieder unter der Leitung von Angela Odenhardt dafür, die Ränder der Feldwege naturverträglich zu gestalten. Diese unscheinbaren Habitate spielen eine wichtige Rolle im Naturschutz. Und hier treffen unterschiedliche Interessen aufeinander. Die Landwirte möchten verhindern, dass die Ränder hochwachsen. Dadurch wandern die wilden Pflanzen auf die Äcker. Auf der anderen Seite braucht die Natur das naturbelassene Biotop, um die Artenvielfalt zu erhalten. Es ist wichtig, weil zahlreiche kleine Tierarten die Wegränder nutzen, um zu wandern. Die Ränder wirken wie Trittsteine in einem Bachlauf. Viele Insekten haben sonst keine Möglichkeit, sich über kultivierte Flächen zu bewegen.
Die Industrialisierung der Natur
Markus weist uns darauf hin, dass beispielsweise Wiesen, die heute Landwirte bewirtschaften, weit entfernt von natürlichen Biotopen sind. Die Wiesen werden fünfmal im Jahr gemäht und nach jeder Mahd wird Gülle aufgefahren. Das entspricht nahezu einer industriellen Nutzung. Deshalb sind Wiesen keineswegs natürliche Habitate. Jetzt kommen dann auch wieder die Wegränder ins Spiel, die unbezahlbar zur Erhaltung der Biodiversität sind.
Markus und Franz-Josef stellen jedoch klar, die Landwirtschaft nicht als Gegner zu sehen. Zwar haben Naturschützer und Landwirte oft verschiedene Interessen, die aber jeder respektiert. Ein Bauer muss wirtschaftlich arbeiten, um seine Existenz zu sichern und letztlich eine Familie zu ernähren. Außerdem muss er ausreichend Lebensmittel für uns produzieren. Auf dieser Basis müssen zahlreiche Kompromisse gefunden werden. Letztlich können nur beide Seiten gewinnen.
Im Falle der Ränder möchten die Landwirte diese möglichst kurz halten, damit die Samen der Wildpflanzen nicht auf die Äcker geraten. Der NABU vermittelt, damit die Ränder zwar gemäht werden, aber zu einem späteren Zeitpunkt. Somit profitieren beide Seiten. Zurzeit wird ein Konzept mit Naturschützern, Landwirten und Kommunen erarbeitet, um für alle Beteiligten einen guten Kompromiss zu finden.
Landwirte haben berechtigte Einwände. Sie müssen mit immer weniger Insektiziden und Pestiziden auskommen. Sie können also kaum eingreifen, wenn Insekten und Wildpflanzen auf die Äcker kommen.
Was ist Mahd?
Das Mahd ist das abgemähte Material, wenn Landwirte und Kommunen Wiesen oder Wegränder mähen. Häufig wird dieses Mahd liegengelassen, damit es sich zersetzt. Es entstehen dabei Verwesungsprodukte, die den Boden düngen. Der Vorgang hat die Bezeichnung „mulchen“. Dem ersten Anschein nach ist dies eine gute Tat, allerdings wuchern einige Pflanzen schnell und blockieren wertvolle Wildkräuter. Die Artenvielfalt wird dadurch geschwächt, die Ränder wachsen schneller und einige seltene Pflanzen verlieren ihre Lebensgrundlage.
Wertvolle Habitate durch Nährstoffentzug
Die Natur braucht magere Böden. Durch nährstoffarme Böden haben zahlreiche Kräuter und Blumen bessere Chancen. Deshalb muss das Mahd entnommen werden, weil es den Boden düngt. Die Mitglieder des NABU klären auf und vermitteln Wissen über dieses sensible Thema. Markus ist der Meinung, dass es keine böse Absicht oder gar Faulheit ist, das Mahd liegenzulassen, sondern vielmehr Unwissenheit.
Warum sind aber gerade die Wegränder der Feldwege so wichtig? Du wirst sicher denken, dass diese Ränder einen winzig kleinen Teil unserer Landschaft darstellen. Das täuscht aber. Im Edertal kommen mehrere hundert Hektar gut vernetzter Flächen zusammen. Allein in der Gemarkung Wellen findest du 5,5 Hektar Flächen allein durch die Randstreifen.
Zurück zum Naturschutz
Der Schutz der Wegränder ist aber nur ein Thema von vielen. Der NABU Edertal kümmert sich zudem intensiv darum, Amphibien zu schützen oder die Wanderwege auszustatten. Wichtig ist auch, die Streuobstwiesen unterstützend zu pflegen. Es ist ein Wunsch der Naturschützer, die Bevölkerung für die Nutzung der Streuobstwiesen zu sensibilisieren, statt teures Obst im Supermarkt zu kaufen.
Naturidyll am Baggersee
Noch immer schauen wir auf den belebten See. In den 1980er Jahren war diese Fläche ein Kiesabbaugebiet. Üblicherweise wurden solche Gebiete nach abgeschlossener Auskiesung touristisch erschlossen. Auch diese Schwimmkaute sollte so weiter genutzt werden. Selbst die Bepflanzung war bereits gekauft. Dann entwickelten die Naturschützer den Plan, das entstehende Gewässer der Natur zu überlassen. Die Betreiber diskutierten hart mit den Naturschützern. Schließlich überließen sie das Gebiet dann dem Naturschutz und nahmen bei der weiteren Auskiesung Rücksicht auf den künftigen See. Sie ließen kleine Inseln und natürliche Uferregionen entstehen. Heute bestaunen wir dieses kleine Paradies. Amphibien, Wasservögel, Ringelnattern und Kreuzottern siedelten hier. Zahlreiche seltene Zugvögel rasten an diesem Biotop. Im Herbst kannst du die unterschiedlichsten Vogelarten hier beobachten.
Besuch beim Biber
Franz-Josef ist zuständig für den Schutz der Biber in unserer Region. Natürlich möchte er uns zeigen, wie aktiv der Biber hier ist. Wir verlassen die Schutzhütte und fahren mit dem Auto ein kleines Stück. Nach einem kurzen Marsch durch das Unterholz der Eder werden wir fündig und finden gefällte Bäume. „Nicht schlecht!“, kommentieren wir, denn die Bäume sind nicht gerade Zahnstocher, vielmehr ausgewachsene Laubbäume. Auf unserem weiteren Weg finden wir immer mehr Spuren der Biber. Auf einer Lichtung liegt ein großer gefällter Baum ohne Rinde. Die beiden NABU-Mitglieder erklären uns, dass Biber reine Vegetarier sind. Während sie im Sommer übermäßig viel Futter finden, haben sie im Winter Probleme. In dieser Zeit nutzen die Biber Baumrinde als Nahrung. Dazu müssen sie die Bäume vorher fällen.
Auf dem Boden liegen Späne. Verblüfft schauen wir uns diese an. Sie sind riesig. Der Biber muss sie in einem Stück abnagen. Wir scherzen darüber, wie es wohl sein muss, von einem Biber gebissen zu werden. Dann endlich entdecken wir die Biberburg. Hier lebt also unser kleiner Freund, direkt am Ufer. Er kann vom Wasser aus in die Burg schwimmen.
Dieses Gewässer ist breit genug, um eine Biberburg fachgerecht zu bauen. Vielerorts finden Biber aber nur Bäche oder kleinere Flüsse, an denen die kleinen Architekten Probleme mit dem Hauseingang unter Wasser bekommen. Biber haben eine kluge Lösung parat: Sie fällen Bäume und bauen mit dem Holz einen Damm, der das Wasser aufstaut. Klug gedacht, aber für den Menschen mancherorts ein Graus, denn es gibt Fälle, in denen Biber schon mal den einen oder anderen Keller unter Wasser setzten. Der kleine Nager: beliebt und gehasst zugleich.
edlake-Fazit: Mit diesem Besuch beim Biber zuhause endet auch unser Ausflug zusammen mit dem NABU. Für uns war es faszinierend, in welchen Bereichen der Naturschutz vor Ort aktiv ist und wie viel ehrenamtliche Arbeit geleistet wird. Markus Jungermann und Franz-Josef Göllner sind beeindruckend kompetent, mit einem gewaltigen Fundus an Fachwissen über unsere heimische Natur. Die Zeit verging wie im Fluge. Beim Schreiben dieses Artikels mussten wir uns entscheiden, über was wir berichten möchten, denn wir bekamen noch viel mehr Informationen und spannende Geschichten zu hören. Der NABU leistet enorme Arbeit. Unser Fazit: Jeder sollte sich überlegen, den NABU zu unterstützen, denn es ist ein Geschenk, in dieser großartigen Naturlandschaft Nordhessens leben zu dürfen. Lasst sie uns erhalten, damit sich unsere Kinder über die vielfältige Natur freuen können.
Naturschutzbund Deutschland Gruppe Edertal e.V.
Markus Jungermann (1. Vorsitz.)
Gemeindeweg 5
34549 Edertal-Bringhausen
info@nabu-edertal.de
www.nabu-edertal.de





