Was verbirgt sich hinter Klostermauern? Verschleiert und dogmatisch bewahren sie ihre Geheimnisse. In steter Präsenz des tiefen Mittelalters hüten sie sakrale Relikte und unfassbare Schätze, um sie vor unseren Augen zu verschließen. Stimmt das wirklich? Oder ist es vielleicht doch ganz anders? Wir schildern unsere Eindrücke vom Kloster Haina, das eine lange, ereignisreiche Geschichte hat.
Gut gelaunt starten wir mit unserem Auto und fahren Richtung Haina / Kloster. Die Fahrt gestaltet sich kurzweilig durch die Walddörfer, denn rechts und links begegnen wir paradiesisch schöner Landschaft. Die Straße schlängelt sich durch malerische Wälder und faszinierende Abhänge. In einem Tal macht die Straße eine Kehre, und schon fahren wir am Kloster vorbei. Linker Hand erreichen wir den Eingang.
Keine Schranke und kein Tor, das wir passieren. Völlig offen fahren wir ins Klostergelände und finden direkt einen Parkplatz. Es ist auffällig gut gepflegt und wirkt einladend. Für Besucher ist der komplette Klosterbereich einheitlich und ausführlich beschildert. Heute wird das Kloster als psychiatrischer Klinikkomplex der Klinikgruppe Vitos betrieben. Was uns sehr positiv auffällt: Die Patienten bewegen sich frei. Es gibt keine Zäune oder verschlossene Tore. Sie sind hier bestens integriert, und auch wir bewegen uns als Besucher völlig frei auf dem Klinikgelände. Allerdings gibt es auch einen geschlossenen Bereich, wenn es erforderlich ist.
Der alte Meister
Direkt vor uns finden wir das Tischbein-Haus. Der berühmte Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein wurde 1751 hier geboren. Dieses Haus war eines unserer Ziele, denn wir interessieren uns für die Werke des berühmten Meisters. Leider stehen wir vor verschlossenen Türen. Wir erfahren, dass dieses Haus wegen eintretender Feuchtigkeit wenige Jahre nach einer großen Sanierung in den 1990er Jahren wieder geschlossen werden musste. Trotz alledem können wir die Tischbein-Ausstellung dennoch besuchen. Sie wurde in die große Klosterkirche ausgelagert.
Das Herzstück
Die Klosterkirche ist das eigentliche Herzstück der gesamten Anlage, und so gehen wir einige Häuser weiter. Das Kloster wirkt auf uns wie ein eigenes, unabhängiges Dorf. Kurze Zeit später stehen wir auch schon vor dem Eingang zum Kreuzgang.
Durch einen kurzen Flur erreichen wir direkt den Kreuzgang. Links finden wir sofort eine Besucherinformation, in der auch einige regionale Spezialitäten verkauft werden. Wir informieren uns über die Sehenswürdigkeiten und die Tischbein-Ausstellung beim freundlichen Personal. Liebevoll sind die zahlreichen Erinnerungsstücke nebst Leckereien arrangiert.

Im Rosengarten
Der Kreuzgang führt uns im Kreis durch mittelalterliches Gemäuer mit Blick in den bezaubernden Innenhof mit Rosengarten. Er lädt uns ein, sodass wir nicht widerstehen können. Glücklicherweise blühen die vielen Rosen, und wir genießen die betörende Stimmung auf einer Bank in der Mitte des Gartens.
Geschichtliches
Der Bau des Klosters begann im Jahr 1215. Es war die Zeit des tiefsten Mittelalters. Das Kloster gehörte dem Zisterzienser-Orden an. Dieser Orden entstand durch eine Reformation aus dem alten Benediktinerorden. Der Chor der imposanten Klosterkirche wurde 1224 geweiht. In dieser Zeit des Mittelalters war der vorherrschende Baustil die Gotik. Die Bauphase der Klosterkirche erstreckte sich über viele Jahre, sodass hier gleich drei Stilrichtungen auftauchen: Der unterste Teil wurde romanisch erbaut. Das erkennst du an den Rundbögen. Bald darauf folgt der gotische Teil mit Spitzbögen. Die oberen Teile jedoch wurden im Stil der Hochgotik konstruiert. In dieser Epoche wurden die Spitzbögen schmaler und oben spitzer. Auch die Türme und andere Teile sakraler Gebäude wurden spitzer und filigraner. Die Baupläne wurden also stets geändert, was im Mittelalter üblich war.
Architekturverständnis im Mittelalter
Die Art und Weise, große Gebäude zu errichten, unterscheidet sich heute sehr stark von den Techniken des Mittelalters. Baupläne gab es nicht, und es wurde vieles improvisiert. Das ist der Grund, warum innerhalb eines Gebäudes oftmals der Baustil wechselte. Zu Beginn des Mittelalters ab 1150 n. Chr. bauten die Baumeister noch solide mit dicken Mauern und stabilen Rundbögen. Auch die Gewölbe waren rund, und in der Spitze saß ein Stein, der Schlussstein. Das Gewicht der Gewölbe lastete auf diesem Stein. Das Verständnis über Statik und deren Berechnung war praktisch nicht vorhanden. In der Zeit des Hochmittelalters waren Spitzbögen in Mode. Alles wurde filigraner und optisch leichter gebaut. Die Fenster wurden stetig schmaler und spitzer, sodass es immer häufiger vorkam, dass Kirchenbauten einfach einstürzten. Ein Paradebeispiel für übertriebene Gotik ist der Kölner Dom, der mehrere Reihen von Stützen und Streben erhielt, damit er nicht auseinanderbricht.
Demut
Durch den Kreuzgang erreichen wir dann endlich die Kirche. Wir treten ein und stehen an der Ostfassade mit Blick auf den Chorraum. Der Weg dorthin ist lang. Die Kirche wirkt gewaltig auf uns. Nie hätten wir eine derart große Kirche erwartet. Wir halten kurz inne, um dann langsam zur Vierung Richtung Altar zu schreiten. Unsere Blicke wandern bald rechts, bald links durch den Raum, und ein verstohlener Blick nach oben lässt uns demütig staunen ob der Höhe des Raumes. Ein imposantes Spitzbogen-Gewölbe zieht uns in seinen Bann. Es ist an Schönheit kaum zu überbieten. Fantastische Buntglasscheiben zieren die eleganten gotischen Fensteröffnungen. Es ist eine einzigartige, subtile Schönheit, die sich uns offenbart. Die Kirche ist hell, lichtdurchflutet und schlicht. Dennoch imponiert sie durch vollkommenen, ästhetischen Minimalismus.
Aber genug des Schwärmens. Haina war seinerzeit ein wichtiger Klosterstandort, und entsprechend groß wurde die Klosterkirche gebaut. Glücklicherweise ist sie in einem fantastischen Zustand, was sicher auch dem Betreiber Vitos zu verdanken ist.
Nach einiger Zeit verlassen wir die Kirche, um eine Etappe unseres Besuchs in Angriff zu nehmen: die Tischbein-Ausstellung.
Engagement für ein Kulturgut
Weiter im Kreuzgang und einige Stufen höher erreichen wir auch schon die Ausstellung. Wir finden viele interessante Informationen und Relikte über den Maler Tischbein, allerdings keine seiner Werke. Wir treffen Heike Hartmann-Frank, Vorsitzende des Vereins der Freunde des Klosters Haina. Der Verein unterhält die Ausstellung des Malers Tischbein. Sie erklärt uns, dass es aufgrund der Patientensituation nicht möglich ist, historische Werke des Malers auszustellen. Allerdings schlummern einige kostbare Stücke in den Archiven und warten darauf, das Licht zu erblicken.
Das Vermächtnis des Johann Heinrich Wilhelm Tischbein
Der Ausstellungsraum ist groß und hell. Hier, im Seitenflügel, findest du die Ausstellung in historisch anmutender Stimmung. Das Ensemble der Ausstellungsstücke ist überschaubar, vermittelt aber einen tiefen Eindruck über das Lebenswerk des Meisters. Sofort erinnern wir uns an ein imposantes Gemälde, das wir vor kurzem in Frankfurt, im Städel bestaunten. Das Gemälde in Frankfurt zeigt den Freund Johann Wolfgang von Goethe während einer Italienreise. Mit einer Breite von mehr als zwei Metern stellt es den Dichter nahezu in Originalgröße dar. Die Qualität der Abbildung ist faszinierend detailreich und enorm realistisch.
Goethe war gut
Wir erfahren, dass der Maler Tischbein ein guter Freund Johann Wolfgang von Goethes war. Dieser zog sogar für längere Zeit bei Tischbein ein. Beide Künstler unterstützten sich gegenseitig und unternahmen zusammen etliche Reisen, in erster Linie nach Italien. Beide ergänzten sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Skills und versuchten in der späteren Zeit ihres Schaffens, Dichtung und Malerei zu verbinden.

Eine Win-win-Situation
Die Freundschaft zwischen Goethe und Tischbein fußte nicht nur auf intellektueller Zusammenarbeit. Vielmehr war Goethe in gewisser Weise finanziell abhängig von Tischbein.
Heike zeigte uns an der Stirnwand die Ahnentafel der Tischbeins mit zwei Bildern der Eltern Johann Heinrich Wilhelm Tischbeins. Diese Bilder sind Kopien. Die Originale galten lange Zeit als verschollen, sind aber letztlich wieder in der Schweiz aufgetaucht. Sie befinden sich inzwischen im Privatbesitz.
Erst nach und nach wird uns die Bedeutung des Malers Tischbein in der Kulturgeschichte unserer Heimat bewusst. Wir fragen uns, inwieweit Goethe, einer der größten deutschen Dichter der Geschichte, seinen Ruhm der Unterstützung von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein zu verdanken hat. Er steht heute im Schatten des Dichters, war aber einst einer seiner größten Protagonisten, der ihm auch in einer schweren Lebenskrise half.
Ein zweites Museum
Innerhalb der Klosteranlage existiert noch ein zweites Museum. Es ist das Psychiatriemuseum. Leider ist es derzeit noch auf unbestimmte Zeit geschlossen. Es wird renoviert und die Ausstellungsstücke werden neu arrangiert. Das Konzept steht zwar schon seit Jahren, aber es hapert noch an organisatorischen Dingen. Das Museum soll, so berichtet uns Heike, einen neuen Fokus bekommen. Die neue Ausstellung soll in Zukunft die Grauen des Dritten Reiches in Bezug auf die psychiatrische Klinik darstellen. Überhaupt, so Heike, bediente man sich in historischer Zeit etlicher fragwürdiger Praktiken zur Behandlung psychischer Erkrankungen. Betreten diskutieren wir noch eine Weile über das Thema, müssen dann aber leider erkennen, dass wir wenig Wissen und Informationen darüber haben. Auf jeden Fall sind wir gespannt auf das Museum und werden ganz sicher wiederkommen, wenn die Türen der Ausstellung wieder geöffnet werden.
edlake-Fazit: Das Kloster Haina ist ein wertvolles Glied unserer heimischen Kulturgeschichte. Hier wirst du viel entdecken, wenn du die Augen offenhältst. Im Nachhinein sind wir nicht enttäuscht, keine Originalwerke des Malers Tischbein gesehen zu haben. Wir hatten es uns gewünscht, aber wesentlich wichtiger ist es, dass hier in der kompletten Anlage die Patienten der psychiatrischen Klinik Zugang haben, auch zur Ausstellung. Uns ist klargeworden, dass es in diesem idyllischen, ruhigen Ort eine kleine Oase für diese Mitmenschen gibt. Hier kommen sie zur Ruhe. Der Besuch hat uns nachdenklich gestimmt. Können wir einen Besuch empfehlen? Ja, unbedingt. Es ist auch die großartige Landschaft, in die das Kloster und der Ort Haina gehüllt sind. Atemberaubende Abhänge und Wälder begleiteten uns bereits auf dem Hinweg, und so nehmen wir uns vor, noch eine Wanderung in dieser Gegend zu machen.





