Festung der tausend Seelen (Schwalmstadt Teil 2)

Schwalmstadt, die Stadt der vielen Gesichter, ist eine Reise wert. Schnell erkannten wir seit der letzten Ausgabe, dass wir nur einen kleinen Teil mitnahmen, und so wuchs die Idee, einen Zweiteiler zu schreiben. In diesem zweiten Teil nehmen wir uns den zweiten Stadtkern Ziegenhain und die Gedenkstätte Trutzhain vor.

Willkommen im Mittelalter

Unser erstes Ziel ist der Paradeplatz, im Zentrum von Ziegenhain. Bereits bei der Anfahrt durch die Stadt zeigt uns der Ortsteil mittelalterliches Flair, neben modernen Geschäftshäusern.

Eine pulsierende Innenstadt mit Einkaufsmeile suchen wir vergebens, finden aber feine, kleine Ladengeschäfte. Fachwerkhäuser prägen das Bild der Stadt. Mit stilvollen Fassaden zeugen sie vom Reichtum vergangener Zeit. Wir schlendern durch historische Gassen, betört von deren geschichtsträchtiger Anmutung. Stolz steht im Zentrum die mittelalterliche Festung mit vollständig erhaltenem Wassergraben. Ein Teil der Festung beherbergt heute eine Justizvollzugsanstalt. Eine Festung in der Festung.

Der Paradeplatz und die Konfirmation

Neben der historischen Verteidigungsanlage erkunden wir den großen Paradeplatz. Wir finden einige Bronzefiguren gegenüber der Touristeninformation, die unsere nächste Anlaufstelle ist, um Interessantes über Schwalmstadt zu erfahren. Wo die Figuren stehen, ist ein wichtiger sakraler Ort der evangelischen Kirche, denn genau dort wurde die Konfirmation erfunden. Die angehenden Erwachsenen bekennen seit 1539 ihren Glauben nach den Lehren des Katechismus. Die Konfirmation ist somit nach der Taufe der zweite wichtige Eckpfeiler im Leben der evangelischen Gläubigen.

edlake-Tipp

Nimm dir Zeit für Schwalmstadt und verabschiede dich vom Gedanken, die Stadt in ein paar Stunden zu erkunden. Gestalte dir eine abwechs-lungsreiche Zeit und verbinde einen Kulturtrip mit einem gedankenversunkenen Spaziergang durch die Fachwerkstadt. Genieße und lerne. Plane einen unvergesslichen Tag und nimm dir Zeit.

Green Escape Tours: Lass mich raus hier!

Auf der Fensterbank der Touristeninformation entdecken wir einen merkwürdigen, grünen Tornister mit allerlei Schlössern und einem Trichter. Er gehört zu einem Familienspiel in der Stadt. Du kannst zwischen zwei Varianten wählen: „Wundersame Wasserfestung“ und „Sagenhafter Schatz“. Hierzu wirst du eine Wegstrecke entdecken und laufen. Dabei findest du Hinweise und Aufgaben, um die vielen Schlösser zu öffnen. Die Green Escape Tours sind eine coole Möglichkeit für Familien, die Stadt spielerisch zu erkunden. Wende dich dafür an die Touristeninformation.

Nächster Halt: Trutzhain

Der Tag verwöhnt uns mit herrlichem Sonnenschein. Er läutet den Frühling ein, obwohl es noch frisch ist. Nach dem langen Winter genießen wir die strahlende Sonne umso mehr. Es ist wunderbar, in der verträumten Stadt mit bezaubernden Fachwerkkulissen zu promenieren. Jetzt wartet ein weiteres Ziel auf uns, die Gedenkstätte Trutzhain.

Noch wissen wir nicht genau, was uns erwartet. Sebastian Sakautzki, der Leiter der Gedenkstätte empfängt uns freundlich an diesem unwirklichen Ort. Schnell wird uns klar: Diese Gedenkstätte ist ein beeindruckendes Mahnmal. Hier wird Geschichte greifbar und zeigt uns die fiese Fratze des Kriegs. Es ist ein Ort, der wachrüttelt.

Verstummte Seelen

Trutzhain war ein Strafgefangenenlager aus dem Zweiten Weltkrieg und das einzige Deutschlands in so gutem Zustand. Sebastian führt uns durch die Ausstellung. Die Räume wirken nüchtern, mit glatten weißen Wänden. Überall hängen historische Bilder und Schautafeln. In der Mitte der Räume aufgebahrt finden wir Ausstellungsstücke, arrangiert wie Exponate der Avantgarde. Wie Kunstwerke schlagen sie eine Brücke zur Vergangenheit mit mahnendem Unterton: Lasst es nie wieder geschehen. Die Zeugen jener Zeit sind inzwischen verstummt. Ihre Seelen haben Frieden gefunden. Aber überall im Lager hinterließen sie subtile Botschaften, auf dass sie nie vergessen werden.

Von Reisenden

Wir reisen in die Geschichte und erfahren von unfreiwillig Reisenden zu unbekanntem, erwartungslosem Ziel. Sie waren Kriegsgefangene. Die Männer wurden dicht an dicht in offenen Eisenbahnwaggons transportiert. Ein großer Teil der Soldaten überlebte den Transport nicht. Bei ihrer Ankunft wurden sie registriert und bekamen Marken, wie Hundemarken. Einige dieser Marken aus Trutzhain fanden Historiker bei Ausgrabungen im Konzentrationslager Buchenwald wieder. Sowjetische Offiziere wurden damals selektiert, deportiert und in den Genickschussanlagen in Buchenwald getötet.

Von der Gefangenschaft zur Zwangsarbeit

Arbeiter waren in Kriegszeiten knapp. Die Männer dienten an der Front, und es mangelte an Arbeitskräften. So gerieten Kriegsgefangene in Zwangsarbeit. Sie wurden von der Front ins Deutsche Reich geholt, während die einheimischen Beschäftigten an der Front dienten. Welch ein Irrsinn.

Wir stehen vor einer großen Übersichtskarte der nordhessischen Region mit allen Orten, an denen Gefangene Zwangsarbeit leisteten. Wir staunen über die immense Organisation und versuchen uns an einer interaktiven Karte direkt neben der Wandtafel. Hier sehen wir im Detail die Orte der Zwangsarbeit mit den ausgeübten Tätigkeiten. Die Gefangenen arbeiteten in Kassel, in der Industrie und der Trümmerbeseitigung. Aber auch auf den Dörfern finden wir zahlreiche Arbeitsstätten in der Landwirtschaft. In der Kriegsindustrie arbeiteten sie nicht. Sebastian informiert uns, dass es in Deutschland 13 Millionen Zwangsarbeiter aus Gefangenschaft gab.

 

Gedenkstätte Trutzhain

Seilerweg 1
34613 Schwalmstadt
Tel.: 06691 / 71 06 62
info@gedenkstaette-trutzhain.de
www.gedenkstaette-trutzhain.de

Ein stiller Schrei

Nun stehen wir vor einer Tür aus einer Baracke. Darauf ist die Freiheitsstatue gemalt. Die Insassen nutzten jede Gelegenheit, sich und ihre Kultur im Gebäude zu verewigen. Zeichnungen und Sprüche auf Türen und Wänden zieren das fahle Ambiente. Demütig betrachten wir lange eine Gefängnistür mit etlichen Sprüchen. Mit zarten, kleinen Buchstaben von Bleistiften überdauern sie die Zeit.

Des einen Freud, des anderen Leid

Ein Gruppenfoto gefangener Soldaten irritiert uns. Die Insassen wirken seltsam heiter. Sebastian klärt uns auf: Das Foto entstand bei der Befreiung des Lagers nach der Kapitulation. Die Gefangenen freuen sich auf ihre Heimat und die Familien. Aber längst nicht alle sind so fröhlich. Die sowjetischen Häftlinge steuern auf eine ungewisse Zukunft hin. Stalin verlangte, dass sie nie in Gefangenschaft geraten dürften. Sie sollten vielmehr einen heroischen Tod sterben. Nun wissen sie nicht, was ihnen zu Hause blühte.

Das Schicksal der Baracken

Damit ist die Geschichte des Lagers lange nicht vorbei. Nach der Kapitulation nutzte es die amerikanische Armee zur Internierung deutscher Soldaten. Der Stacheldraht um das Lager blieb aus Angst der Amerikaner vor deutschen Pogromen. Nach 1946 nutzten jüdische Heimatlose das Gelände. Das kommunistische Polen und andere Länder verweigerten ihnen die Einreise, und oft waren ihre Häuser zerstört. Da das Lager nach dem Krieg intensiv genutzt wurde, ist es bis heute noch erhalten.

Ein Kerzenlicht brennt in tiefer Dunkelheit

Um die Bewohner des Lagers nach dem Krieg in Brot und Arbeit zu bringen, wurden etliche Firmen in Trutzheim angesiedelt. Es wuchs unter anderem eine Brokatweberei, eine Kistenmanufaktur und eine Kunstblumenfabrik. Scherzhaft nannten Zeitgenossen das Viertel „Ruhrpott der Schwalm“.

Die Manufakturen bestanden bis zum Strukturwandel der 1970er und -80er Jahre. Nur die Kunstblumenfabrik schloss erst 2003 die Tore für immer.

Die Künstlerin Julia Charlotte Richter faszinierte die Idee, an diesem grausamen Ort eine Kunstblumenfabrik zu errichten. Blumen als Licht im Dunkel, welch starke Symbolik trägt dieses Projekt. Sie widmete dieser Fabrik einen kompletten Zyklus ihrer Arbeit. Möchtest du mehr darüber erfahren? Du findest oben einen QR-Code zu ihrer Arbeit.

edlake-Fazit: Lohnt sich für dich ein Ausflug nach Schwalmstadt? Nun, wir besuchten die Stadt zweimal, um den besonderen Charakter dieser Stadt zu erfassen. Schwalmstadt ist schön. Der Reichtum aus Zeiten der Handelsstraßen hat die opulente Fachwerkarchitektur geformt. Ein starker Einfluss der protestantischen Kirche, insbesondere die Erfindung der Konfirmation, schenkte der Stadt großartige Kirchen und andere sakrale Gebäude. Schwalmstadt ist aber nicht nur schön, sondern in erster Linie lehrreich. Wir besuchten das Museum der Schwalm und das Stenografiemuseum im Teil 1. Das war nur ein kleiner Teil. Entdecke noch mehr, beispielsweise die Schwälmer Tracht im Museum der Schwalm. Besucht die alte Festung mit dem komplett erhaltenen Wassergraben. Lehrreich und wichtig für die komplette Familie ist, sich mit dem dunklen Kapitel unserer Geschichte auseinanderzusetzen. Hier findest du Geschichte zum Anfassen und Atmen.

Es fühlt sich an, als sänge Schwalmstadt ein Lied von Ruhm und Fall, von Freude und Qual, wie auch von Reichtum und bitterer Armut. Und die Menschen, die hier leben? Wir wurden freundlich und aufgeschlossen empfangen. Überall erzählen sie uns gern über ihre Geschichte. Schwalmstadt hat Charakter. Trotz des harten Erbes ist eine stolze Stadt entstanden, die lebt. 

Touristeninformation Rotkäppchenland

Paradeplatz 7
34613 Schwalmstadt-Ziegenhain
T. 06691 / 915 66 01
service@rotkaeppchenland.de
www.rotkaeppchenland.de

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