Schwalmstadt – Die Stadt, die keine ist (Teil 1)

Kennst du Schwalmstadt? Die Stadt mit zwei Stadtkernen? Irgendwo in idyllischer Natur, halb Dorf, halb Stadt, liegt es, bestehend aus mehreren Stadtteilen, verteilt in der Landschaft. Aber so verschlafen, wie es scheint, ist Schwalmstadt auf keinen Fall. Wir besuchen die Stadt, um eine Story zu schreiben. Schnell stellen wir fest, hier gibt es deutlich mehr zu erleben als gedacht, und so wird es eine Fortsetzung zu diesem Artikel geben.

Schwalmstadt besitzt zwei Stadtkerne. Diese liegen in den größten Stadtteilen, Treysa und Ziegenhain. Wir treffen uns in Treysa, am Hexenturm. Hier parken wir unser Auto und schauen uns als Erstes den Turm an. Dieser Turm ist der letzte Rest einer ehemaligen Festung. Von ihm aus wurde im Mittelalter das Stadttor bewacht. Den Namen bekam der Turm, als 1609 eine Frau dort im Verlies festgehalten wurde, weil sie der Hexerei angeklagt wurde.

Hier starten wir und gehen zunächst in die Altstadt. Schnell erkennen wir den mittelalterlichen Stadtkern. Der Weg führt steil bergauf, und von oben hast du einen grandiosen Blick über Treysa. Das Stadtbild prägen mittelalterliche Fachwerkbauten. Wir stehen vor dem Rathaus. Es ist ein zentrales Gebäude mit zwei Ecktürmen, die an die Zeit der Renaissance erinnern. Ritterliches Flair breitet sich aus. Tatsächlich stammt das Haus aus dem Mittelalter, wurde aber in der Zeit der Renaissance um 1650 teilweise zerstört und bis auf die Rückseite neu aufgebaut.

edlake-Tipp

In Schwalmstadt gibt es vier interessante Museen. In diesem Artikel haben wir zwei besucht und längst noch nicht alles gesehen. Schwalmstadt ist somit bestens für einen Tagesausflug bei jedem Wetter erste Wahl.

Eine tote Kirche für die Toten

Links, hinter dem Rathaus, finden wir eine mystisch wirkende Kirchenruine. Der Kirchturm scheint halbwegs intakt zu sein. Das Dach fehlt vollständig, und die Gemäuer sind an einigen Stellen bereits eingefallen. Wir stehen in der Totenkirche. Die frühgotischen Fensteröffnungen verraten uns, dass es sich auch hier um eine mittelalterliche Kirche handelt. Sie stammt aus dem Jahr 1265 und war bis zum Ende des Mittelalters die Stadtkirche von Treysa. Danach diente sie als Friedhofskapelle und Begräbniskirche. Daher trägt sie den Namen Totenkirche. Sie verfiel immer mehr, sodass du heute nur noch eine Ruine siehst, die unter Denkmalschutz steht.

Museum der Schwalm

Das Museum ist ein Fundus an Wissen über die Weißstickerei, die du auch in den weltberühmten Schwälmer Trachten siehst. Vor Kurzem nahm die UNESCO diese Handwerkskunst als immaterielles Kulturerbe auf. Elisabeth freut sich, uns alles zu zeigen.

www.museumderschwalm.de

Geschichtsträchtige Schwalm

Wir haben erkannt, dass Schwalmstadt reich an Geschichte ist, und so beschließen wir, mehr darüber zu erfahren. In Schwalmstadt Ziegenhain besuchen wir das „Museum der Schwalm“. Was uns hier interessiert, ist die Weißstickerei. Vor wenigen Wochen wurde diese Handarbeitstechnik als immaterielles Kulturerbe der deutschen UNESCO-Kommission aufgenommen. Darüber möchten wir mehr erfahren. So treffen wir uns im Museum mit dem Museumsleiter Wilfried Ranft und einer Expertin für Weißstickerei, Elisabeth Strübing. Wilfried erklärt uns, dass es eine Ehre und große Auszeichnung sei, diesen UNESCO-Titel zu bekommen. Allerdings ist das Museum als Träger verantwortlich für das Erbe und hat die Aufgabe, es entsprechend zu pflegen, um den Titel zu behalten.

Im Interesse der UNESCO

Der Empfang ist überaus herzlich. Wir bekommen einen Kaffee und einige Leckereien. Wilfried und Elisabeth brennen darauf, uns etwas über die Weißstickerei zu erzählen. Ursprünglich war die Schwalm ein wohlhabender Landstrich. Das hatte seinen Grund in einer betriebsamen Handelsroute, die hier entlanglief. Somit spülten Kaufleute Geld in die Kassen, und das Kunsthandwerk blühte. Beiden brennt es auf der Seele, diese wertvollen Handwerkstechniken an junge Generationen weiterzugeben. Ein alter Artikel der Zeitschrift „ANNA“ in englischer Sprache rückte die Weißstickerei in den internationalen Fokus. Letztlich setzte sich Frau Thekla Gombert aus St. Gallen für das Erbe ein.

Was ist denn eigentlich Weißstickerei?

Elisabeth geht das Herz auf. Zu gern erzählt sie über das großartige Handwerk. Wir teilen ad hoc ihre Begeisterung, denn wir erkennen sofort, wie viel Mühe und Ehrgeiz für diese Tätigkeit vonnöten ist. Für die Weißstickerei wird Leinen verwendet, das vor Ort auf bekannte Weise aus Flachs gewonnen und gewebt wird. Der Unterschied zu anderem Leinenstoff ist, dass die Fäden extrem fein und dünn sind. So ist das Weben des Stoffes besonders aufwendig. Genauso verhält es sich mit der Stickerei der klassischen Motive. Elisabeth beeindruckt uns, als sie uns Stickereien zeigt, die wir nur unter der Lupe richtig erkennen. Elisabeth sagte, dass diese wertvollen Stoffe nicht gewaschen wurden, um sie nicht zu gefährden. Demzufolge existieren in erster Linie Tagesdecken und Zierhandtücher, die an Türen gehängt wurden. Im Klartext braucht es ein Jahr, um eine Tagesdecke in der Weißstickerei herzustellen. Den Wert einer solchen Decke vergleicht Elisabeth mit einer Kuh in historischer Zeit.

Weißstickerei ist, wie der Name schon sagt, weiß. Einige wenige Akzente werden jedoch mit gefärbtem Garn gestickt. Sie sind entweder rot oder schwarz. Der rote Farbstoff ist beständig und immer noch rot. Der schwarze Farbstoff jedoch verlor seine Farbe und sieht inzwischen golden aus. Für uns wirkt es ästhetischer als schwarz.

Die Straßen sind kalt, das Licht ist schwach. Der Winter zeigt uns sein eisiges Gesicht. Was könnte schöner sein als eine Pause in der warmen Kaffeerösterei bei einer köstlichen Tasse Kaffee? Foto: David Heise
Die Straßen sind kalt, das Licht ist schwach. Der Winter zeigt uns sein eisiges Gesicht. Was könnte schöner sein als eine Pause in der warmen Kaffeerösterei bei einer köstlichen Tasse Kaffee?

Trauer um verlorene Handwerkskunst

Die Werkstücke erhalten, nachdem sie fertig sind, einen entsprechenden Rahmen. Es wird ein Spitzensaum geklöppelt. Diese Handwerkskunst ist kompliziert und aufwendig. Leider wurde in den 1970er Jahren die Klöppelspitze oft entfernt und durch Fransen aus Baumwolle ersetzt. Das entspricht dem Zeitgeist der 70er Jahre. Elisabeth stimmt es sichtlich traurig, und es scheint, als träge ihr Herz Felsen. Wir schauen uns den Frevel an und finden es ebenfalls absurd, entschuldigen es aber mit dem Zeitgeist der 70er Jahre, als neue Materialien gefeiert wurden. Glücklicherweise existieren aber noch einige Relikte der bezaubernden Klöppelarbeiten.

Ein Erbe über viele Generationen hinweg

Weißstickerei ist alt. Die ältesten Stücke stammen aus der Zeit des 12. Jahrhunderts. Sie wurden für ein Antependium genutzt. Die Technik wurde fortgeführt und verfeinert, bis in die Zeit um 1850. Mit Beginn der Industrialisierung schwand auch das Interesse. Heute findest du zahlreiche, gut besuchte Kurse, um das Handwerk zu lernen. Die meisten findest du bei den Volkshochschulen. Elisabeth und Wilfried wünschen sich, dass das Erbe noch viele Generationen über erhalten bleibt. Für uns war es lehrreich, aber viel mehr beeindruckte uns die Leidenschaft für das Kunsthandwerk vor Ort. Das Museum der Schwalm bietet noch viel mehr, beispielsweise die Schwälmer Tracht, aber dazu erfährst du mehr in der Fortsetzung.

Frisch gerösteter Kaffee

Nach so viel Informationen brauchen wir eine Pause und finden die Kellerwälder Kaffeerösterei. Wir treten ein und müssen uns zuerst einen Überblick verschaffen. Das ist kein normales Café. Hier wird der Kaffee selbst geröstet. Wir gönnen uns einen Cappuccino und einen Espresso. Überwältigt vom Geschmack, kommen wir ins Gespräch mit dem freundlichen Personal. Hier bekommst du je nach Jahreszeit 20 bis 25 verschiedene Kaffeeröstungen. Den Kuchen bezieht der Betreiber vom nahegelegenen Hephata. Draußen, neben dem Gebäude wartet ein beheiztes Zelt auf Besucher, um gemütliche Winterstimmung zu genießen.

Was uns jedoch am meisten beeindruckt: Einheimische Bürger verkaufen hier Selbstgemachtes. Neun Kleinkünstler preisen hier im Café ihre liebevollen Waren mit dem Label „Handmade with Love“ an.

Stenografenverein

Faszinierende alte Schreibtechnik. Informationen findest du auf der Vereinsseite.

stv-treysa.de

Exkurs Schrift und Schreiben

So gemütlich es auch ist, ein Thema wollen wir noch erleben. In Schwalmstadt gibt es ein Museum für historische Schreibmaschinen. Wir finden es leicht abseits gelegen in der alten Kaserne. Träger des Museums ist der Stenografenverein 1925 Treysa e.V. Beim Betreten des Gebäudes erinnert uns der Flair eher an ein Schulgebäude unserer Kindheit. Wir werden freudig empfangen und gehen zuerst in einen Raum mit uralten, historischen Schreibmaschinen und einer großen Bibliothek historischer Stenografieschriften. Tatsächlich befinden wir uns hier in einer der drei größten Sammlungen weltweit, mit weit über 10.000 Werken. Wir sind beeindruckt. Erneut haben wir in Schwalmstadt einen kulturhistorisch wertvollen Schatz gefunden. Zwar ist Stenografie aus der Mode gekommen, dennoch ist sie bis heute eine wichtige Hilfe für Journalisten oder Redakteure. Um das Kulturgut nicht zu vergessen, bietet der Verein Kurse an, wo du diese wunderbare Technik des Schreibens erlernst.

Geduldig und unterhaltsam erklären uns Klaus Bock und Siegfried Groß die eindrucksvolle Geschichte der Schreibmaschine. Das älteste Stück stammt aus dem Jahr 1864. Die zahlreichen historischen Schreibmaschinen wirken ehrfürchtig auf uns.

Wir fragen, ob es keinen besseren Platz für diese wertvollen Stücke gäbe. Beide teilen uns mit, dass sie noch suchen. Sie sind jedoch dankbar, überhaupt ausreichend Platz erhalten zu haben. Im Nachbarraum finden wir dann Vertrautes. Es sind mechanische und elektrische Schreibmaschinen aus der Zeit ab ungefähr 1970. Diese Sammlung ist ebenso umfangreich. Unter den gewöhnlichen Schreibmaschinen gibt es auch Kinderschreibmaschinen, oder gar eine Schreibmaschine aus Lego. Stolz ist der Verein auch auf das 100-jährige Bestehen im Jahr 2025. Zu diesem Anlass wird es eine Ausstellung in der heimischen Sparkasse geben. Schmuckstücke historischer Maschinen werden in Vitrinen ausgestellt. Verschiedene Künstler sind eingeladen, Texte zu verfassen und auf den Schreibmaschinen zu tippen. Die Blätter bleiben eingespannt, sodass du die Texte in der Maschine lesen kannst.

Nachdem wir alles gesehen haben, verlassen wir das Gebäude, diskutierend. Draußen ist es inzwischen dunkel und wir beschließen, nach Hause zu fahren. Aber: Wir werden wiederkommen.

edlake-Fazit: Wir wollten einen kurzen Ausflug nach Schwalmstadt machen. Das hat glücklicherweise nicht so geklappt wie gedacht. Schwalmstadt hat viel mehr zu bieten, als wir uns vorstellen konnten. Wir haben viel gesehen, vieles aber auch noch nicht. Das holen wir in einer der nächsten Ausgaben nach. Für uns ist es ein Ausflug, den wir in großartiger Erinnerung behalten. Solltest du Schwalmstadt noch nicht kennen, können wir dir nur raten, das nachzuholen … Fortsetzung folgt.

Lust auf mehr aufregende Museen?

Unter schwalmstadt.de findet ihr viele interessante Museen.

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